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W.E.S.T. 4: Der 46. Staat  Drucken E-Mail
Comics: Frankobelgier Horror & Mystery
Geschrieben von Manuel Tants   
Dienstag, 23. Dezember 2008

W.E.S.T. 4: Der 46. Staat

Zeichner: Christian Rossi

Originaltitel: W.E.S.T. 4: Le 46e état
Übersetzt von: Martin Surmann

Reihe: W.E.S.T.
4. Band der Reihe

Verlag: Piredda
Format: Hardcover
Erschienen: November 2008
ISBN: 978-3-941279-21-6
Preis: 15,50 EUR

64 Seiten
Inhalt
7.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.6

Wertung:
7.6
von 10
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Zum Inhalt:

Januar 1902. Seit vier Jahren ist Kuba von der amerikanischen Armee besetzt. W.E.S.T. (das "Weird Enforcement Special Team") wurde nach Havanna gesandt, um Islero zu eliminieren, den mysteriösen "Santero", der amerikanische Soldaten in Zombies verwandelt und die Kubaner aufwiegelt. Die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte Kubas stehen kurz bevor. Der lokalpatriotische Kandidat, Bartolomeo Masé, musste sich von der Wahl zurückziehen, sodass als einziger Kandidat Thomas Palma verbleibt, eine pro-amerikanische Marionette. Daraufhin wird W.E.S.T. bewusst, dass das wahre Ziel ihres Auftrags darin besteht, es der United Fruit Company zu ermöglichen, Kubas Reichtümer zu stehlen.

Meinung:

Die Autoren Xavier Dorison und Fabien Nury ließen sich im Vorgängerband "El Santero" viel Zeit damit, die komplexe Figurenkonstellation einzuführen sowie die politischen Hintergründe zu erläutern, vor denen Morton Chapel und seine Teamkollegen vom US-Präsidenten nach Kuba geschickt wurden. Nun, da alle Akteure vorgestellt und in Position sind, können sie im Abschlussband des zweiten "W.E.S.T."-Zyklus die Ernte ihrer Saat einholen - und die fällt reichlich aus! Überraschende Allianzbildungen, Voodoozauber, Erpressungen, Verrat und Rebellion prägen das Bild von "Der 46. Staat" und liefern reichlich Anlass für genau die Action, deren Abwesenheit "El Santero" etwas zu trocken wirken ließ.

Die Konflikte, die aus der im vorangegangenen Band sorgsam vorbereiteten, komplexen Figurenkonstellation entstehen, entfalten sich in "Der 46. Staat" explosionsartig: Nicht genug damit, dass es gleich zwei rivalisierende, mächtige Voodoo-Priester auf Kuba gibt und auch die amerikanischen "Berater" auf der Insel abwägen müssen, ob sie lieber ihren politischen oder doch eher den wirtschaftlichen Interessen den Vorrang geben sollen. Auch die kubanischen Rebellen, die sich gegen den (nicht ganz demokratisch) gewählten Präsidenten Thomas Palma auflehnen, setzen sich aus zwei Fraktionen zusammen: Während ein Teil der Aufständischen auf einen Putsch mit Waffengewalt hinarbeitet, versucht eine andere Splittergruppe ein gewaltfreies, aber nicht weniger gründliches Ende der Unterdrückung zu erreichen. Und auch den W.E.S.T.-Mitgliedern kommen nach all den Offenbarungen und Erkenntnissen, die sie auf Kuba gewonnen haben, Zweifel an dem Auftrag, den sie von Präsident Roosevelt erhalten haben. Und so beschließen Morton Chapel und seine Kollegen, selbst in die politischen Entwicklungen der Insel einzugreifen.

Bei "W.E.S.T." verlassen sich die Künstler jedoch nicht allein auf die Texte von Dorison und Nury, um die sorgsam durchkonzipierte Geschichte zu erzählen: Auch die Zeichnungen von Christian Rossi sind äußerst ausdrucksstark und vermitteln gelegentlich sogar eine ganz eigene Parallelhandlung, die die Dialoge ergänzt oder konterkariert. Zudem beeindruckt die Arbeit Rossis durch ihren Realismus und ihre Detailfreude und überzeugt mit präzisen Darstellungen von Kulissen und Kostümen. In vielen Bildern stecken so zahlreiche Feinheiten, dass erst wiederholtes Betrachten wirklich alle darin verborgenen Elemente enthüllt. Die Figuren selbst sind ebenfalls sehr gelungen und weisen ein aussagekräftiges Mienenspiel auf, und auch Rossis Kolorierung seiner eigenen Zeichnungen ist wie gewohnt stimmungsvoll und subtil ausgefallen.

Bei all den Machtspielen zwischen den zahlreichen Interessengruppen, die sich in "Der 46. Staat" entfalten, tritt der Mystery-Aspekt der Handlung erneut eher in den Hintergrund. Sicher, es gibt gleich zwei praktizierende "Santeria"-Schamanen, die Menschen scheinbar sterben und als zombie-artige Sklaven zurückkehren lassen können. Doch dieser Aspekt wird angesichts all der politischen Wirrungen sehr an den Rand gedrängt. Außerdem ist der Anteil an Actionszenen und Aufständen, der immerhin einen willkommenen Kontrast zum etwas trägen Vorgängerband darstellt, hier vielleicht schon etwas zu hoch ausgefallen - dem Leser wird keine Atempause gegönnt, in der er die jüngsten Entwicklungen erst einmal verdauen kann, was angesichts der Komplexität der Geschichte jedoch durchaus wünschenswert gewesen wäre.

Wie schon "El Santero" erscheint auch dieser Band als großformatiges Hardcover auf hochwertigem Papier, das die Zeichnungen gut zur Geltung kommen lässt. Als Extra hat der Piredda-Verlag zudem einen kleinen Anhang angefügt, in dem sich kurze Biografien einiger der historischen Figuren finden, die in dieser Geschichte auftreten. So wird deutlich, in welchen Bereichen sich die Autoren ein wenig künstlerische Freiheit genehmigt haben.

Fazit:

Wer sich vom "Weird Enforcement Special Team" in erster Linie einen gruselig-übersinnlichen Mystery-Comic erhofft hat, der wird auch vom Abschlussband des zweiten Zyklus leicht enttäuscht sein. Doch als Entschädigung gibt es nicht nur die Entwirrung des komplexen, aber sorgsam gestrickten Beziehungsgeflechts zwischen den zahlreichen unterschiedlichen Parteien, sondern auch jede Menge Action. Dadurch wird dieser Einblick in die historischen Grundlagen der US-amerikanischen Außenpolitik nicht nur lehrreich, sondern auch recht kurzweilig - vor allem die Schlusspointe von "Der 46. Staat" hat es dabei wirklich in sich. Die wunderbar detailverliebten Zeichnungen von Christian Rossi, deren Unmenge an Einzelheiten auf den ersten Blick kaum erfassbar ist, lassen ebenfalls keinerlei Wünsche offen.
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