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Ich bin Legion  Drucken E-Mail
Comics: Frankobelgier Horror & Mystery
Geschrieben von Manuel Tants   
Mittwoch, 6. Mai 2009

Ich bin Legion

Autor: Fabien Nury
Zeichner: John Cassaday

Originaltitel: Je suis légion
Übersetzt von: Kai Wilksen

Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: Oktober 2008
ISBN: 978-3-936480-66-8
Preis: 26,00 EUR

176 Seiten
Inhalt
8.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
10.0
Gesamtwertung
8.3

Wertung:
8.3
von 10
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Zum Inhalt:

1942 arbeitet der SS-Offizier Rudolf Heyzig in Rumänien mit einer Wesenheit zusammen, die ihre Seele durch Bluttransfusion von einem Körper zum nächsten übertragen kann. Heyzig verfolgt damit das Ziel, eine unbesiegbare Armee zu erschaffen, die ihre Überzeugungen eingeimpft bekommt. Sein Problem: Die Wesenheit steckt im Körper eines zehnjährigen Mädchens.
Auch der Londoner Geheimdienst bekommt es mit der Wesenheit zu tun. Eine Londoner Villa wurde in die Luft gejagt. Stanley Pilgrim soll den Fall untersuchen. Dabei entdeckt er, dass die Explosion möglicherweise mit einem Geheimprojekt Churchills in Zusammenhang steht, das dieser gegen einen gewissen Offizier Heyzig vorbereitet ...

Meinung:

Comics, die in französisch-amerikanischer Koproduktion entstehen, sind alles andere als häufig. Mit "Ich bin Legion" liegt jedoch das Resultat einer solchen ungewöhnlichen Zusammenarbeit vor: Fabien Nury, u.a. Ko-Autor von "W.E.S.T.", und Zeichner John Cassaday ("Planetary", "Astonishing X-Men", "Die Ultimativen") haben gemeinsam einen im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Geheimdienst-Thriller mit übernatürlichem Einschlag ersonnen, dessen Handlung sich durch einen hohen Komplexitätsgrad auszeichnet.

Dabei klingt die Grundvoraussetzung eigentlich recht einfach und birgt theoretisch sogar ein gewisses Pulp-Potenzial im Stile der "Hellboy"-Comics in sich: Die Nationalsozialisten arbeiten an einer neuen Wunderwaffe in Form absolut gehorsamer und sehr widerstandsfähiger Soldaten. Um diese perfekte Armee zu erschaffen, benötigen sie die Hilfe eines übernatürlichen Wesens, das per Bluttransfusion die Körper anderer Personen kontrollieren kann, aber ausgerechnet in Gestalt eines kleinen Mädchens auftritt. Doch so einfach (und klischeehaft), wie diese knappe Zusammenfassung klingen mag, ist die Angelegenheit beileibe nicht.

Denn es geht in "Ich bin Legion" darüber hinaus nicht nur um polizeiliche Ermittlungen in einem mysteriösen Mordfall und Geheimdienst-Aktivitäten an unterschiedlichen Schauplätzen in ganz Europa, sondern auch um diverse Intrigen machthungriger Individuen beider Kriegsparteien. Hinzu kommen Charaktere, die zum Teil mehrere Tarnidentitäten besitzen, und die bereits erwähnte Fähigkeit einiger Wesen, von den Körpern anderer Menschen zeitweilig oder dauerhaft Besitz zu ergreifen - so kann man sich nie völlig sicher sein, wen man gerade vor sich hat, und muss als Leser permanent höchst aufmerksam sein, damit man keinen verborgenen Hinweis und keine Andeutung versäumt. Gerade zu Beginn wirkt die Lektüre durch den Umstand, dass dem Leser trotz einer gewissen Textlastigkeit noch viele Erklärungen fehlen, vielleicht ein wenig mühselig, doch irgendwann findet man sich in die Geschichte ein. Am Ende wird man dann mit einer dramatischen Auflösung für das Durchhalten belohnt.

Und glücklicherweise hat Fabien Nury sich nicht nur auf das Knüpfen eines möglichst vielsträngigen Handlungsfadens konzentriert, sondern auch darauf geachtet, die auftretenden Figuren mit glaubwürdigen Persönlichkeiten zu versehen. So weist der britische Geheimdienst-Ermittler Stanley Pilgrim durchaus einige negative Wesenszüge auf. Im Gegenzug wird SS-Offizier Heyzig keineswegs nur als unmenschlicher Nationalsozialist, der blind an den Führer glaubt, charakterisiert. Auch die übrigen Figuren besitzen prägende individuelle Züge, die aus ihnen mehr als reine Staffage machen. Zum Glück erlaubt der große Umfang der Geschichte es dem Autor, auf all diese Aspekte in der nötigen Ausführlichkeit einzugehen.

Die klar strukturierten Zeichnungen von John Cassaday wirken - gerade zu Beginn - mitunter vielleicht ein wenig statisch, hinterlassen aber einen angenehm realistischen Eindruck ohne jede Übertreibung. Außerdem heben sich die feinen Schattierungen sowie die individuellen Gesichtszüge der Charaktere angenehm von der Arbeit vieler anderer Zeichner ab. So entsteht ein ruhiges, aber ausdrucksstarkes Gesamtbild, das es dem Leser ermöglicht, sich voll auf die Geschichte zu konzentrieren, ohne von vordergründigen visuellen Effekten abgelenkt zu werden. Auch die gedeckten Farben von Laura Depuy unterstützen die Realitätsnähe der Darstellung und passen hervorragend zum 40er-Jahre-Setting.

Ursprünglich wurde "Ich bin Legion" in drei separaten Alben veröffentlicht, die aber von Cross Cult in einem vollfarbigen, großformatigen Hardcover-Band mit über 170 Seiten zusammengefasst wurden. Passend zur transatlantischen Kollaboration von Autor und Zeichner wird diese imposant wirkende Gesamtausgabe zudem durch eine Abhandlung von Stefan Pannor ergänzt, in der kenntnisreich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie die gegenseitige Beeinflussung der französischen und der US-amerikanischen Comiclandschaften seit ihrem Entstehen dargestellt werden.

Fazit:

"Ich bin Legion" fordert vom Leser viel Aufmerksamkeit: Wer sich nicht die Mühe macht, die Texte und die stilistisch angenehm zurückhaltenden, aber dennoch aussagekräftigen Bilder auf Andeutungen zu untersuchen, wird in dem komplexen Gewirr aus Spionage, Mordermittlungen, politischen Intrigen und Körpertausch-Aktionen schnell den Überblick verlieren und einige besonders textlastige Abschnitte können dann auch schon einmal ein wenig anstrengend werden. Doch die glaubwürdig ausgebauten Charaktere entschädigen für den geistigen Aufwand, der hier nötig ist - und es soll ja sogar Menschen geben, die auch beim Comiclesen ganz gerne mal ihre grauen Zellen einsetzen. Dass dieser Band dem Leser die vollständige Geschichte in ihrer Gesamtheit präsentiert, ist ebenfalls ausgesprochen hilfreich beim Verfolgen der Wendungen dieses Kriegs-Krimi-Spionage-Dramas mit übernatürlichem Hintergrund.

 
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