Banner bookdepository.com

Stadt der Knochen  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Dienstag, 3. März 2009

Stadt der Knochen

Originaltitel: Bone Factory
Übersetzt von: Silvia Visintini

Verlag: Knaur
Erschienen: Februar 2009
ISBN: 978-3-426-63540-7
Preis: 7,95 EUR

347 Seiten
Inhalt
5.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
5.3

Wertung:
5.3
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Mitten im Winter wird in einem Park eine von Schnittwunden übersäte Frauenleichen gefunden. Alles deutet auf einen Sexualmord hin. Die routinemäßige Überprüfung der Fingerabdrücke des Opfers bringt ein überraschendes Ergebnis: Die Tote ist ein Mann - ein polizeibekannter Transsexueller, der unter dem Namen Josine als Prostituierte arbeitete. Im Laufe ihrer Ermittlungen gelangen Detective Ike Homer und seine Kollegin Eliza jedoch immer mehr zu der Überzeugung, dass das sexuelle Motiv nur vorgetäuscht ist. In Wahrheit soll ein weiterer grausamer Mord vertuscht werden, in den die mächtigste Familie der Stadt tief verstrickt ist.

Meinung:

Mit seinem zweiten Krimi führt Steven Sidor den Leser in die heruntergekommene Stadt Booth City. Die Blütezeit dieser Metropole ist vorbei, und nur noch veraltete Denkmäler erinnern daran, was diese Stadt einmal für eine florierende Wirtschaft hatte. Und auch wenn die Familie Booth, deren Vorfahre Booth City gründete, immer noch über Geld und Einfluss verfügt, führt das nur dazu, dass sie sich deutlich von den restlichen Einwohnern abgrenzt, statt den Verfall der Stadt aufzuhalten.

Als die Detectives Ike Homer und Eliza Ochoa zu einer toten Prostituierten in den Park gerufen werden, stellt sich schnell heraus, dass es sich hier nicht um einen normalen Mord aus sexuellen Motiven handelt. Die Tote, Josine genannte, ist eigentlich ein Mann und weist fürchterliche Messerwunden auf, die eindeutig schon einige Zeit vor dem Todestag angebracht wurden. Dank ihrer Hartnäckigkeit finden die beiden Polizisten in diesem Fall nicht nur eine Verbindung zu dem geheimnisvollen "Sailor", sondern auch zu Zan Booth und einem ehemaligen Polizisten, um den sich einige Gerüchte drehen.

Der Leser kann die meisten Ermittlungsschritte von Ike und Eliza mitverfolgen, auch wenn ihm nicht immer die Bedeutung hinter den einzelnen Situationen bewusst wird. Nur die Tatsache, dass der Autor erst nach und nach die Identitäten einiger Personen enthüllt, deren Perspektive man von Anfang an verfolgen kann, macht aus diesem Krimi ein Puzzle, welches sich stückchenweise zusammensetzen lässt. Dabei wird die Arbeit der beiden Detectives nicht nur durch persönliche Probleme, wie zum Beispiel Ike Homers angeschlagene Gesundheit, behindert, sondern auch durch die diversen Verwicklungen und Geheimnisse der betroffenen Charaktere.

Da liest man von Prostituierten, die einfach schon von Berufs wegen nichts mit der Polizei zu tun haben wollen, von Tätowierern, die gutgläubig zu viel ausplaudern, oder von einem reichen jungen Mann, für den die ganze Geschichte nur ein selbstzerstörerisches Spiel zu sein scheint. Doch vor allem die Beteiligten, die mehr über die Hintergründe des Mordes an Josine wissen und alles daransetzen, damit in diesem Zusammenhang ihre kriminellen Machenschaften nicht auffliegen, werden für Ike und Eliza zur Bedrohung.

Steven Sidor scheint seine Geschichte in Anlehnung an die amerikanischen Hardboiled Detective Novels erzählen zu wollen. Der Leser bekommt die Ermittlungen der beiden Polizisten und diverse Begebenheiten der mit dem Fall verbundenen Personen wie in Momentaufnahmen vermittelt. Kleine Szenen, die übergenau die jeweilige Situation darstellen und dabei einen zynischen Blick auf eine verkommene Gesellschaft bieten, bestimmen diesen Roman.

Doch so ganz gelingt es dem Autor nicht, die unbestreitbare Qualität dieser Erzählweise in seinem Roman einzufangen. Während ein Dashiell Hammet oder ein Raymond Chandler anhand einer in der Regel überschaubaren Personenzahl den Verfall der Gesellschaft widerspiegeln und sich dabei auf eine Hauptfigur konzentrieren, wird dieses Stilmittel von Steven Sidor bis zur Wirkungslosigkeit zersplittert.

In "Stadt der Knochen" springt der Leser von einer Person bzw. Perspektive zur nächsten, und so entsteht eine Hektik, die der eigentlich langsamen Entwicklung der Handlung widerspricht. Man verfolgt die Ereignisse nicht aus den Augen eines relativ unbeteiligten Ermittlers, denn sowohl Ike Homer als auch Eliza Ochoa sind von diesem Fall letztendlich persönlich betroffen, sodass eine diffuse Mischung aus Eindrücken entsteht, die der beabsichtigten Wirkung entgegensteht.

Doch trotz dieser Einbindung der individuellen Gefühle und Verwicklungen (sowohl bei den Detectives als auch bei den Verdächtigen) kann man die Motivationen der einzelnen Charaktere nicht nachvollziehen oder gar nachfühlen. Die ganze Geschichte versinkt in einem Sumpf aus Mord, Korruption, Egoismus, Prostitution und Kompromissen, die einen schlechten Geschmack im Mund hinterlassen. So fehlen das klare Denken und das Ehrgefühl eines Sam Spade oder Philip Marlowe, die als Gegengewicht wirken und somit dem Leser einen Halt bieten würden.

Für den Versuch, einen Kriminalroman auf diese Weise aufzubauen, kann man Steven Sidor durchaus ein Lob aussprechen - genauso wie für seine erstaunlich poetische Sprache. Doch so ganz scheint der Autor seine Linie beim Schreiben noch nicht gefunden zu haben. Damit bleibt für den Leser am Ende des Romans das unbefriedigende Gefühl, dass diese Geschichte durch eine klarere Erzählweise und weniger problembelastete Ermittler eindeutig gewonnen hätte.

Fazit:

Steven Sidors Kriminalroman "Stadt der Knochen" wirkt ein wenig, als ob der Autor sich an einer Erzählweise versucht hätte, die ihm noch nicht so ganz liegt. Der Fund eines ermordeten Transsexuellen führt die beiden Detectives Ike Homer und Eliza Ochoa in eine Welt voller Intrigen, Machtmissbrauch, Korruption und Mord. Wie in Momentaufnahmen bekommt der Leser verschiedene Szenen vorgesetzt, die zusammen ein erschreckendes Bild ergeben. Doch damit dieser Erzählstil seine ganze Wirkung entfalten kann, hätte es eines positiven oder zumindest neutralen Gegenpols benötigt, auf den der Autor leider verzichtet hat. So ist ein Buch entstanden, das zwar ein detailliertes Abbild einer maroden Gesellschaft zeichnet, aber den Leser leider nicht mitreißen kann.
Weiterführende Infos

 
Copyright © 2008-2017 by booklove.de. Alle Rechte vorbehalten.