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Nebelsturm  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 4. April 2011

Nebelsturm

Originaltitel: Nattfåk
Übersetzt von: Kerstin Schöps

Verlag: Piper
Erschienen: Februar 2011
ISBN: 978-3-492-26367-2
Preis: 9,95 EUR

448 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
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Gesamtwertung
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Wertung:
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Zum Inhalt:

Ein dunkler, rauer Winter auf der schwedischen Insel Öland. Auf dem verlassenen Anwesen Åludden, einem mystischen, beladenen Ort, zieht die junge Familie Westin ein. Die tragische Nachricht vom Ertrinken der Tochter Livia scheint die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen.

Meinung:

"Nebelsturm" von Johan Theorin ist eine Kriminalgeschichte, auf die sich der Leser erst einmal einlassen muss, um dann umso stärker von den vielen kleinen und großen Ereignissen gefesselt zu werden. Der Autor erzählt die Handlung aus verschiedenen Perspektiven, auch wenn die Familie von Joakim und Katrine Westin im Mittelpunkt des Geschehens steht. Das junge Ehepaar ist gerade erst von Stockholm auf die Insel Öland gezogen, um auf dem Åludden-Hof ein neues Zuhause zu finden. Vor allem freut sich das Lehrer-Ehepaar darauf, das Wohnhaus ebenso wie die Nebengebäude liebevoll zu renovieren und so zu einem Heim für seine zwei Kinder machen zu können.

Doch der Hof hat - ebenso wie die dazugehörigen beiden Leuchttürme und andere Orte auf Öland - eine ganz eigene tragische Geschichte und die scheint das Leben der Familie schnell zu trüben. Aber nicht nur aus Joakims Sicht erfährt der Leser mehr über die Insel, ihre Bewohner und Ereignisse in der Vergangenheit des Åludden-Hofes. Katrines Mutter Mirja Rambe, die als junges Mädchen selbst einmal dort gelebt hat, hat so manche Geschichte über die ehemaligen Bewohner des Anwesens gesammelt und für ihre Tochter niedergeschrieben. Und auch Tilda, eine junge Polizistin, die gerade ihren Posten auf der Insel angetreten hat, versucht mit Hilfe ihres Großonkels Gerlof Davidsson mehr über die Vergangenheit zu erfahren.

Johan Theorin nimmt sich viel Zeit, um atmosphärische Beschreibungen vom Leben auf Öland zu liefern und die vielen verschiedenen Charaktere vorzustellen. Dabei geht es ihm nicht bei jeder Figur darum, diese möglichst tiefgehend zu präsentieren, sondern um das Gesamtbild, das durch die unterschiedlichen Lebenssituationen und Perspektiven erzeugt wird. Vor allem indem er mit der Neugier der Leser spielt, gelingt es Johan Theorin, sein Publikum in der Geschichte zu halten. Es gibt viele Andeutungen und Erzählungen über Dinge, die in der Vergangenheit des Åludden-Hofes passiert sind, und nicht immer kann man sich sicher sein, einen wahrheitsgemäßen Bericht zu bekommen.

Außerdem erinnert die Stimmung in vielen Passagen von "Nebelsturm" eher an eine gut gemachte Geister- als an eine Kriminalgeschichte. Immer wieder muss man als Leser für sich entscheiden, ob die erwähnten Geistererscheinungen vielleicht doch mehr sind als Einbildungen, die aus der Trauer der unterschiedlichen Personen entstanden. So entsteht zusammen mit den vielschichtigen Familienverhältnissen der Westins, von denen man erst nach und nach erfährt, eine unterschwellige Spannung. Diese ungewöhnliche Gewichtung in der Erzählweise des Autors kommt sogar beim eigentlichen Hauptereignis des Romans zum Tragen, denn Johan Theorin scheint selbst dem tragischen Todesfall, der die Familie Westin ereilt, weniger Bedeutung beizumessen als der Darstellung der Reaktionen der Betroffenen auf dieses Ereignis.

Obwohl immer wieder betont wird, dass irgendetwas an diesem Unglück nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, gibt es in "Nebelsturm" keine eifrigen Ermittlungen, die der Leser mitverfolgt, sondern die Auswirkungen auf die Verwandten der Toten stehen im Vordergrund. Denn vor allem Joakim ist von diesem Todesfall traumatisiert und hat große Mühe, wieder zu einem Alltag zurückzufinden und sich weiterhin um seine Familie zu kümmern. So ungewöhnlich diese Erzählweise für einen Krimi ist, so sehr fasziniert Johan Theorin den Leser mit seiner Sicht auf Öland und die Ereignisse auf Åludden. Obwohl auf diese Weise nur sehr langsam Spannung aufgebaut wird, die sich erst am Ende in einem etwas rasanteren Finale entlädt, kann man dank der Neugier auf all die Hintergründe und die Motive der verschiedenen Personen das Buch einfach nicht aus der Hand legen.

Auch aufgrund seines Erzählstils kann der Autor mit diesem Buch überzeugen. Seine Beschreibungen sind eher zurückhaltend und seine Sprache ist klar und direkt - und durch diesen Minimalismus wird eine beeindruckende Atmosphäre erzeugt, die dem Leser unter die Haut geht. Anfangs sorgen die vielen Perspektivwechsel dafür, dass man etwas Zeit benötigt, um sich mit den verschiedenen Personen wohlzufühlen. Aber wenn einem die Figuren nach ein paar Kapiteln erst einmal vertraut sind, verfolgt man voller Faszination die verschiedenen Handlungsstränge und sucht in jedem Teil der Geschichte nach Hinweisen zu den verschiedenen Vorkommnissen.

Fazit:

"Nebelsturm" von Johan Theorin ist ein eher ungewöhnlicher Kriminalroman, in den sich der Leser - auch aufgrund mehrerer Erzählperspektiven - erst einmal einfinden muss. Der Autor konzentriert sich weniger auf die Ermittlungen in einem Todesfall als darauf, vergangene Ereignisse auf der Insel Öland und auf dem Åludden-Hof zu beschreiben sowie die Familieverhältnisse von Joakim und Katrine Westin darzustellen. So entsteht eine atmosphärische Geschichte voller familiärer Probleme, Geistererscheinungen und beeindruckenden Landschaftsbeschreibungen, bei der man auf jeder Seite nach Hinweisen auf die wirklichen Geschehnisse sucht. Dabei wird die sich langsam entwickelnde Spannung von Johan Theorins klarer und zurückhaltender Erzählweise gestützt, die dem Leser auch viel Raum für seine eigene Fantasie lässt.
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