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Bevor der Morgen graut  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Konstanze Tants   
Mittwoch, 17. September 2008

Bevor der Morgen graut

Originaltitel: Afturelding
Übersetzt von: Coletta Bürling

Verlag: BLT
Erschienen: Februar 2008
ISBN: 978-3-404-26770-5
Preis: 6,00 EUR

335 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Die herbstliche Jagd auf Graugänse beginnt in der Morgendämmerung. Doch in diesem Jahr ist unter den Schützen einer, der es nicht auf die Vögel, sondern auf die Jäger abgesehen hat. Insgesamt drei Morde geschehen, und die isländische Kriminalpolizei steht vor der gefährlichen Aufgabe, einen brutalen Serienkiller zu finden, damit das tödliche Katz-und-Maus-Spiel von Jäger und Gejagten ein Ende hat.

Meinung:

"Bevor der Morgen graut" ist der zweite Roman des Bauingenieurs Viktor Arnar Ingólfsson, der in Deutschland erschienen ist, wobei die erste Ausgabe dieses Titels schon 2006 in die Buchhandlungen kam - und mit einem wesentlich ansehnlicheren Cover versehen war. Mit dem aktuellen Design hat sich Bastei Lübbe keinen Gefallen getan, da die dunkle Aufmachung wenig ansprechend wirkt.

Skandinavischen und isländischen Krimis sagt man eine gewisse Schwermut nach. Die Hauptfiguren sind melancholische Charaktere, die von ihrem Leben und ihren Erlebnissen bei der Arbeit desillusioniert wurden. Für viele dieser Personen scheint schon der normale Alltag kaum zu bewältigen zu sein. Von dieser trübsinnigen Tendenz heben sich Viktor Arnar Ingólfssons Romane angenehm ab.

Die ermittelnden Polizisten und ihre Verdächtigen sind ganz normale Menschen, so wie man sie zum Nachbar haben kann. Der eine verliert seinen Hof wegen Überschuldung, der andere trinkt zu viel oder hat eine Leidenschaft für den Langstreckenlauf. Aber keine dieser Eigenschaften ist übertrieben oder unglaubwürdig dargestellt. Dafür gönnt sich der Autor ein paar - schon fast unglaubwürdige - Zufälle, die letztendlich zum Auffinden des Mörders führen.

Zu Beginn wird der Leser mit auf eine frühmorgendliche Gänsejagd genommen. Die Welt ist ruhig und friedlich, der Jäger Ólafur Jónsson wartet entspannt mit seinem Hund Kolur auf die Morgendämmerung. Doch auf einmal kippt die geruhsame Stimmung und Schüsse werden auf den Jäger abgegeben. Eine oder mehrere Personen machen ihn zur Beute und der Leser erlebt die letzten Minuten von Ólafur bis zu seinem Tod detailliert mit.

Die darauf folgenden Ermittlungen laufen im Vergleich zu diesen ersten spannenden Seiten sehr gemächlich ab. Der Autor beschreibt ausführlich, wie von den Polizisten Aussagen und Beweismittel gesammelt und ausgewertet werden. Ein zweiter und ein dritter Mord passieren, und mit jedem neuen Zeugen sieht die Sachlage verwirrender aus. Als der Mörder dann noch ein Rätselspiel mit den Polizisten beginnt, scheinen die Ermittler schon fast hilflos vor den vielen zu bewältigenden Aufgaben zu stehen.

Viktor Arnar Ingólfsson nimmt sich die Zeit, den Alltag bei diesem Fall darzustellen und den verschiedenen Polizisten ein wenig Hintergrund zu verleihen. Keiner von ihnen wird bis ins kleinste ermüdende Detail vorgestellt, aber der Leser lernt sie so gut kennen, dass er eine Vorstellung von ihrem Leben und ihrer Motivation bei diesem Fall bekommt.

Obwohl die ganze Geschichte ein wenig dahinzuplätschern scheint und erst am Schluss wieder nennenswerte Spannung aufkommt, lässt einen das Rätsel um die drei Morde so schnell nicht wieder los. Doch noch mehr genießt der Leser den Blick in den normalen isländischen Alltag. Der Autor beschreibt nicht die Inselromantik mit Isländerpferden und heißen Quellen, die bei den Touristen so beliebt ist, sondern das moderne Leben auf einer steinigen Insel mit einer relativ überschaubaren Einwohnerzahl.

Neben einem unterhaltsamen Kriminalfall bietet "Bevor der Morgen graut" sehr interessante Charaktere. Der Polizist Birkir und seine Kollegen sind in ihren Eigenheiten überzeugend dargestellt, während die eine oder andere Nebenfigur den Leser immer wieder zum Schmunzeln reizt. Auch einen Kriminalschriftsteller hat der Autor in seine Geschichte eingebaut, der dem Polizisten Gunnar gern erläutert, dass ein Autor nie auf die Idee käme, einen Roman mit so durchschnittlichen Persönlichkeiten und so vielen Zufällen wie sie bei diesem Fall vorkommen zu schreiben, da das alles für den Leser viel zu langweilig und unglaubwürdig wäre. Nur gut, dass Viktor Arnar Ingólfsson diese Aussagen mit seinem Buch augenzwinkernd widerlegt. Denn gerade die Normalität der Personen verleiht der Handlung eine faszinierende Glaubwürdigkeit.

Fazit:

Mit "Bevor der Morgen graut" hat Viktor Arnar Ingólfsson einen Krimi geschrieben, der sich angenehm von der übertriebenen Melancholie vieler isländischer und skandinavischer Romane abhebt. Die Handlung überzeugt den Leser weniger durch atemlose Spannung als durch die sehr realistische Darstellung der Ermittlungen und durch einen Einblick in das ganz normale moderne Leben in Island. Wer sich auf die sehr detaillierte Erzählweise einlässt, den erwartet ein spannender Krimi, der den Leser mit leisem Humor überrascht.
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