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Arcadia  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Krimi & Thriller
Geschrieben von Heike Bellas   
Donnerstag, 2. Oktober 2008

Arcadia

Originaltitel: Arcadia
Übersetzt von: Kirstin Bleiel

Verlag: editionLübbe
Erschienen: August 2008
ISBN: 978-3-7857-1615-1
Preis: 19,95 EUR

461 Seiten
Inhalt
4.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
4.4

Wertung:
4.4
von 10
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Zum Inhalt:

"Et in arcadia ego", sagt eine Stimme am Telefon und legt sofort wieder auf. Das Zitat des anonymen Anrufers erinnert die Schriftstellerin Julia an einen mysteriösen, Jahre zurückliegenden Mordfall: "Et in arcadia ego" waren die letzten Worte von Gloria Godwin, einem 11-jährigen Mädchen, das von seiner eigenen Mutter in einem grauenhaften Ritual getötet wurde. Die Beschäftigung mit dem Fall wird für Julia zur gefährlichen Obsession. Sie gerät immer tiefer in den Sog dieses geheimnisvollen Mordes und trifft schließlich auf den 16-jährigen Daniel, Glorias Bruder. Der begabte Teenager scheint alle Menschen zu verzaubern - und gleichzeitig die fürchterlichsten Verbrechen zu begehen ...

Meinung:

Samantha Devins Hauptfigur Julia ist 33 Jahre alt, lebt in London und ist frustriert. Frustriert darüber, dass in ihrem Leben so wenige Mysterien existieren, darüber, dass sie sich unheimlich leer fühlt und dass ihr Leben ein immer währender Ablauf gleicher inhaltsloser Tage ist. Selbst ihr Beruf als Schriftstellerin wird Opfer ihrer Unzufriedenheit mit sich und ihrem Leben. Erst ein mysteriöser Anruf reißt sie aus ihrer Lethargie und sie stellt Nachforschungen über den Tod der kleinen Gloria an, die vor zwei Jahren ermordet in einer Höhle in Brighton gefunden wurde.
Ihre Nachforschungen führen Julia zu Glorias Bruder. Der 16-jährige Daniel wurde im Koma liegend in der Höhle neben seiner Schwester gefunden und wohnt inzwischen bei seiner Tante Aurore. Der Teenager fasziniert Julia vom ersten Moment an. Und als sie ihn nackt in seinem völlig ramponierten Zimmer antrifft, wo er ihr mit fremden Stimmen droht und sie gleichzeitig lockt, beginnt sie, von ihm zu träumen. Auch trifft sie bei ihren Ermittlungen auf Daniels Betreuer Raymond Kerike, der sich um drogensüchtige und verhaltensauffällige Kinder kümmert und mit ihnen das Theater "Arcadia" betreibt.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als sich die doppelt so alte Julia in sexueller Hinsicht zu Daniel hingezogen fühlt, beginnt der Leser diesen Roman sehr kritisch zu sehen. Vielleicht ist Julias Faszination für Daniel dadurch zu erklären, dass sie seit einer Vergewaltigung vor einigen Jahren erwachsenen Männern nicht mehr vertraut. Sie selbst begründet die Anziehung für sich aber mit "Daniels Gottesgleichheit". Julia ist überzeugt davon, dass Daniel die Verkörperung des Gottes Dionysos darstellt, den der Junge auch in dem gerade anlaufenden Theaterstück spielt. Obwohl Julia von mehreren Seiten gewarnt wird, entwickelt sie eine regelrechte Obsession für den Jungen, durch die sie sich zu unüberlegten und überaus gefährlichen Handlungen hinreißen lässt.

Entweder Frau Devin hat sich diese Thematik ausgesucht, weil sie unter anderem Psychologie und Religionswissenschaften studiert hat und sie dies für einen Roman interessant fand, oder der ganze Roman zielt darauf ab zu schockieren. Vielleicht möchte sie auch dadurch, dass sie die Protagonisten so unsympathisch und die Handlung so haarsträubend macht, auf umgedrehte Weise Kritik an so gearteten Beziehungen und der Mitgliedschaft in Sekten üben. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass sie wirklich ernst meint, was sie schreibt und gutheißt, dass sich ältere Frauen mit minderjährigen Kindern einlassen und dass Liebesbeziehungen auch Verwandtschaftsverhältnisse einfach übergehen. Ebenfalls seltsam wäre die im Roman beschriebene Sichtweise, sein Leben erst dadurch erfüllt werden zu lassen, dass man Sekten beitritt, die Alkoholausschank an Jugendliche, Drogenkonsum und wahllose Sexbeziehungen ohne gesetzliche Grenzen unterstützen und die intern das Gesetz als falsch und übergehbar betrachten und gar ein Feindbild daraus machen.

Dadurch, dass sich die Autorin in ihrem Roman so ausführlich mit den erwähnten Tabuthemen beschäftigt, geht die eigentliche Handlung, die die Bezeichnung "Thriller" rechtfertigen würde, beinahe unter. Sie wird zwar am Anfang und am Schluss deutlich, ist aber ansonsten im Verlauf des Romans nur zu erahnen. So wirkt dann auch der Schluss fast unzugehörig und unlogisch und bedarf eines weiteren Kapitels, um zu erklären, wie die Geschichte überhaupt so enden konnte.

"Arcadia" benötigt trotz der einführenden Zitate, die sich mit der griechischen Götterwelt - vor allem mit Dionysos - beschäftigen, entweder schon vorhandenes Wissen über den Dionysoskult sowie die Götter Dionysos und Apollo oder die Bereitschaft, die Dinge, die man nicht weiß, nachzulesen. Positiv zu erwähnen ist der sehr plastische und blumige Schreibstil, der so gar nicht der Erzählweise entspricht, die man sonst in Thrillern vorfindet. Die Autorin nimmt sich für bestimmte Momentaufnahmen Zeit und beschreibt Farben, Gerüche und Atmosphären sehr detailliert und nachvollziehbar. Hin und wieder kommen dem Leser Sätze unter, die man sich gern unterstreichen möchte, weil sie so treffend sind und sich auf das eigene Leben übertragen lassen oder eigene Sichtweisen auf die Welt widerspiegeln.

Fazit:

"Arcadia" von Samantha Devin ist ein Thriller, der diese Bezeichnung beinahe nicht verdient hätte. Anstatt einer spannenden Handlung mit überraschenden Wendungen und einem schlüssigen, aber befriedigenden Ende, bekommt man die Geschichte einer 33-jährigen Londonerin vorgesetzt, die in ihrem Lebensüberdruss Glück in den Armen eines 16-jährigen Jungen und im Schoß einer zweifelhaften Sekte findet. Die im Klappentext angekündigte Handlung geht dabei völlig verloren, was dazu führt, dass der Ausgang abrupt und unlogisch wirkt. Auch will sich keine rechte Spannung aufbauen. Die Thematik des antiken Götterkults - vor allem der Schwerpunkt auf Dionysos - regt jedoch dazu an, sich mehr mit den griechischen Göttern und ihren Aufgaben auseinanderzusetzen. Aufgrund des Studiums der Religionswissenschaften, das die Autorin abgeschlossen hat, ist dieser Aspekt auch der am besten recherchierte des Buches.
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