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1:0 für die Idioten  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Kinder & Jugend
Geschrieben von Heike Bellas   
Montag, 16. November 2009

1:0 für die Idioten

Originaltitel: Een-null voor de autisten
Übersetzt von: Rolf Erdorf

Verlag: Beltz
Erschienen: Juli 2009
ISBN: 978-3-407-81057-1
Preis: 12,95 EUR

164 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

Luisa kommt für ein Jahr in die "Villa Strandlust" der Jugendpsychiatrie. Sie ist eine scharfe, unerbittliche Beobachterin ihrer selbst. "Die Welt und ich haben schon immer im Streit miteinander gelegen", erinnert sich Luisa an ihrem 15. Geburtstag. "Freundschaft" bedeutet für sie nur, dass man gemeinsam dieselben Leute nicht ausstehen kann. Sie weiß nicht, wem sie trauen kann und wohin sie mit ihren Aggressionen soll, und weshalb man nicht immer zurückgeliebt wird, wenn man verliebt ist. Luisa rastet aus - und zwar richtig. Sie ist ins Meer gegangen. Aber ein Hund hat sie wieder rausgefischt. In der Klinik soll sie sich und ihr Leben wiederfinden. Sie vertraut sich dem Therapeuten Hans an, sie beobachtet die anderen Patienten mit all ihren Zwangsneurosen.

Meinung:

Luisa kommt in die Klinik Strandlust, weil sie betrunken ins Wasser gelaufen ist und sich ertränken wollte. Jetzt in der Klinik wird ihr erst bewusst, dass nicht mit der Welt um sie herum, sondern mit ihr selbst etwas nicht stimmt. Langsam freundet sie sich mit Mitgliedern der Gruppe 1 an: Mit Hassan, dem Jungen mit Geburtstrauma, mit Zebbie, deren streng christliche Erziehung sie überfordert hat, mit Cor, der seine Aggressionen nicht zügeln kann, und mit Carmen, die Angst vor Dreck hat. Nur ihre Therapeuten nimmt Luisa nicht besonders ernst und fängt sogar an, an ihren Mitinsassen herumzutherapieren.

Der Leser trifft auf Luisa, als sie in die Klinik "Strandlust" eingeliefert wird und weiß nicht mehr über sie, als dass sie versucht hat, sich zu ertränken. Erst im Laufe des Buches erfährt man mehr über Luisas Vorgeschichte: Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war, ihre Mutter hat neu geheiratet und sie mag den neuen Mann ihrer Mutter nicht. Sie lief von zu Hause weg und kam bei ihrem Kunstlehrer unter, der zu nett war, sie wieder wegzuschicken, flippte aber aus, als sie erfuhr, dass er eine Freundin hat.

Man erfährt nicht, welche Diagnose Luisa wirklich erhält, doch alles deutet zumindest auf eine narzisstische Persönlichkeit hin. Sie hält sich für überlegen, vor allem den Therapeuten gegenüber, denn sie ist der Meinung, dass sie besser in der Lage ist, ihre Freunde zu heilen. Jeden kleinen Erfolg reibt sie den "Sozios" unter die Nase. Sie baut extrem schnell Verbindungen auf, reagiert auf Ablehnung aber auch extrem: Nachdem sie die Freundin ihres Lehrers entdeckt, verbringt sie drei Tage in seinem Wandschrank und als die Frau ihres Betreuers - zu dem sie eine starke Bindung aufgebaut hat - in der Klinik auftaucht, zerhackt sie mit einer Axt dessen Schreibtisch, während er noch dahinter sitzt.

Luisa glaubt nicht daran, dass die Therapie sie gesund machen wird. So wie sie der Meinung ist, dass sie ihre Mitinsassen heilen kann, nimmt sie auch nur Hilfe aus deren Reihen an. Sie klammert sich an die Verantwortung, die sie für Zebbie und Hassan übernimmt. Auch weigert sie sich, gesünder zu werden, weil das gleichbedeutend wäre mit Entlassung und sie nicht weiß, wo sie hin soll.

Die Bewohner der Klinik "Strandlust" nehmen sich selbst nicht ernst, sie nennen sich selbst "Idioten" und reißen Witze über ihre Krankheiten. Die Betreuer wirken fast alle stümperhaft und unfähig, mit den Jugendlichen anständig umzugehen. Doch während dem Leser das ganze Buch hindurch die Betreuer größtenteils unsympathisch bleiben, schließt er die Insassen schnell ins Herz. Sie werden nicht oberflächlich als Irre dargestellt, sondern als Menschen, die an ihrem Leben, wie es vor der Klinik war, gescheitert sind. Jetzt versuchen sie, sich wieder aufzuraffen und das mit viel Hilfe von anderen und gegenteilig auch mit viel Mitgefühl und Verständnis für ihr Umfeld.

Man darf nicht erwarten, dass "1:0 für die Idioten" die Abbildung wirklichen Klinikalltags darstellt. Die Krankheitsbilder sind überzeugend umgesetzt und auch die meisten Abläufe finden in der einen oder anderen Klinik statt. Doch die Bündelung extremer Fälle, die auf das Fehlen fähiger Therapeuten stoßen und sich dann gegenseitig selbst helfen, ist weniger realistisch. Auch, dass Patienten mit so ausgeprägten Krankheitsbildern freien Ausgang haben, wann sie wollen, ist sehr utopisch. Die Charaktere würden das Buch absolut lesenswert machen, weil man sich schnell mit ihnen verbunden fühlt, doch der fehlende Realismus ist ein großes und nicht übergehbares Manko des Romans, das einem das Lesevergnügen etwas verleidet.

Fazit:

"1:0 für die Idioten" ist ein Buch, das weder auf großen Realismus noch auf eine spannende Geschichte setzt. Der Leser begleitet die 15-jährige Luisa auf ihrem Weg durch ihre Therapie und lernt nach und nach, was das junge Mädchen dazu gebracht hat, einen Selbstmordversuch zu begehen. Luisa ist an sich kein sympathisches Mädchen, aber trotzdem schafft es die Autorin, dass der Leser ihre Fortschritte mitverfolgen möchte. Auch ihre Mitinsassen sind sehr interessante Persönlichkeiten.
Weiterführende Infos

 
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