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Kinder des Judas  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Horror
Geschrieben von Konstanze Tants   
Samstag, 26. April 2008

Kinder des Judas

Verlag: Knaur
Erschienen: September 2007
ISBN: 978-3-426-66277-9
Preis: 14,90 EUR

704 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
7.2

Wertung:
7.2
von 10
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Zum Inhalt:

Jung, schön, gesund - und das bis in alle Ewigkeit. Was sich für viele nach einem Traum anhört, ist für Sia schon vor langer Zeit zum Fluch geworden. Sie sehnt sich nur nach einem: einschlafen und nie wieder aufwachen müssen. Doch das darf sie nicht. Zu groß ist die Schuld, die Sia auf sich geladen hat, zu groß die Verantwortung, die sie gegenüber der Menschheit trägt. Zusätzlich verfolgt sie noch die Erinnerung an ein besonderes Mädchen. Um ihren Schmerz zu lindern, schreibt Sia in langen einsamen Nächten Scyllas Geschichte nieder. Diese beginnt 1670 und ist verbunden mit den dunklen Machenschaften der Kinder des Judas.

Meinung:

Nachdem Markus Heitz sich mit seinen beiden Fantasyreihen "Ulldart" und "Die Zwerge" an die Spitze deutscher Fantasyautoren geschrieben hat, veröffentlichte er mit "Ritus" und "Sanctum" erfolgreich Horrorliteratur. Auch "Kinder des Judas" ist in diese Kategorie einzuordnen, hat aber keine Werwölfe, sondern Vampire zum Thema.

In zwei Zeitebenen wird die Geschichte von Sia und Scylla erzählt und immer wieder geschickt miteinander verflochten. Sia lebt im heutigen Leipzig und gleich zu Beginn des Romans erfährt man von ihrer Fähigkeit, den Tod zu spüren. Diese setzt sie als Sterbebegleiterin in einem Krankenhaus ein. Doch über ihr rätselhaftes Talent hinaus bestehen Geheimnisse, die dem Leser erst im Laufe der Zeit enthüllt werden.

Sia ist diejenige, die die Geschichte des Mädchens Scylla erzählt, das 1670 miterleben muss, wie osmanische Besatzer ihre Mutter töten. Von diesem Tag an nimmt ihr Leben eine seltsame Wendung. Wenige Monate nach dem Verlust der Mutter wird das Mädchen von ihrem Vater in sein Zuhause mitgenommen, eine entlegene Mühle. Dort sollte Scylla viele Jahre verbringen, um von ihm in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen unterrichtet zu werden. Hier trifft das Mädchen auch zum ersten Mal auf die rätselhafte Gesellschaft der "Kinder des Judas", die ihr Dasein für viele Jahre beherrschen wird.

Markus Heitz versteht es, seine Geschichte mit einer Fülle von Details zu versehen, die gerade zu Beginn selbst banale Handlungen lesenswert gestalten. Auch macht seine Fähigkeit, sanfte und leise Momente zu beschreiben, trotz der traurigen Anfangsszene den Einstieg in den Roman für den Leser sehr leicht. Umso größer fällt der Bruch ins Auge, wenn es zu illegalen und brutalen Kämpfen kommt, bei denen der Autor das Blut spritzen und die Knochensplitter fliegen lässt.

Überhaupt geht Markus Heitz nicht gerade zimperlich mit seinen Lesern um. Die Masse an Verstümmelungen, detailliert beschriebenen Sezierungsvorgängen, Blut, Knochen und stinkenden Leichen führen beim Leser schnell zu einem leichten Ekelgefühl, welches im Laufe der Lektüre in eine Abstumpfung umschlägt. Irgendwann ist man regelrecht gelangweilt von den makabren Darstellungen und fragt sich nur noch, wann es denn mit der Geschichte weitergeht.

Aber auch unabhängig vom Ekelfaktor kommt es in der Handlung von "Kinder des Judas" zu einigen Längen. Der Autor hat es nicht ganz geschafft, Sias und Scyllas Anteile der Erzählung wirklich ausgewogen hinzubekommen. Bei beiden gibt es Stellen, die der Leser gern ausführlicher erzählt gehabt hätte, während vorhersehbaren Wendungen zu viel Raum gelassen wird. Gerade in der letzten Hälfte des Romans hat Markus Heitz mit der Einführung eines neuen Charakters, der sich intensiv mit Vampirforschung beschäftigt, für ein kräftiges Abflachen der Spannung gesorgt.

Wenn auch die Beschreibungen des Aberglaubens im Jahre 1732 sowie der angeblichen Tatsachen rund um Vampirismus nicht uninteressant sind und der Wechsel zur Perspektive eines normalen Menschen ganz gelungen ist, kommt dieser Erzählstrang für den Leser fast schon zu spät, um noch zu fesseln. Man muss sich auf eine neue Person einstellen und hat bei vielen Passagen das Gefühl, dass man schon so viel mehr Wissen besitzt als der handelnde Charakter. Das führt dazu, dass man kaum noch Geduld mit ihm aufbringt und das Ende regelrecht herbeisehnt.

Trotz aller Kritikpunkte gibt es auch viel Positives über diesen Roman zu sagen. Gerade die Entstehungsgeschichte der "Kinder des Judas" und die Darstellung der unterschiedlichen Vampirtypen sind sehr gelungen. Auch in anderen Büchern gab es schon mehrere Vampirvarianten mit unterschiedlichen Fähigkeiten, aber wohl kaum ein Autor ist bei den Einzelheiten so ins Detail gegangen wie Markus Heitz. Gerade die Judaskinder und ihre wissenschaftlichen Ziele sind faszinierend beschrieben und gewinnen ihren besonderen Reiz durch das Einbinden geschichtlicher Tatsachen in die Erzählung.

Eine weitere Stärke des Autors ist seine Fähigkeit, selbst Nebenfiguren mit einem glaubhaften Profil zu versehen. Auch wenn die Charaktere nicht durch und durch sympathisch gestaltet sind (was sie um so realistischer wirken lässt), kommen sie dem Leser doch so nah, dass man mit ihnen mitfühlt. Egal, ob es um wissenschaftliche Neugier geht, den Wunsch zu Leben oder abgrundtiefe Verachtung: Für den Moment des Lesens werden diese Gefühle für den Leser real und nachvollziehbar.

Fazit:

Mit "Kinder des Judas" legt Markus Heitz eine Horrorgeschichte vor, die weder mit dem klassischen Vampirroman noch mit Vampirromantik etwas zu tun hat. Trotz einiger Längen und der viel zu überzogenen Gewaltdarstellungen weiß dieses Buch den Leser zu fesseln, was nicht zuletzt an den überzeugenden Charakteren und der stimmigen Einbeziehung geschichtlicher Fakten liegt. Dieser Roman ist nichts für schwache Gemüter, aber wer gern einmal einen etwas anderen Vampirroman lesen möchte, findet in "Kinder des Judas" eine interessante Neuinterpretation des bekannten Genres.
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