Banner bookdepository.com

Baltimore  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Horror
Geschrieben von Manuel Tants   
Freitag, 9. Januar 2009

Baltimore, oder, Der Standhafte Zinnsoldat und der Vampir

Originaltitel: Baltimore, or, The Steadfast Tin Soldier and the Vampire
Übersetzt von: Christian Langhagen

Verlag: Cross Cult
Erschienen: Mai 2008
ISBN: 978-3-936480-60-3
Preis: 24,90 EUR

322 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
9.0

Wertung:
9.0
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Als Lord Henry Baltimore auf einem der höllischen Schlachtfelder des ersten Weltkriegs den Zorn eines Vampirs heraufbeschwört, verändert sich die Welt für immer. Eine extrem ansteckende Seuche wird entfesselt - eine Seuche, die selbst der Tod nicht beenden kann. Jahre später lädt Baltimore, der mittlerweile ein einsamer Soldat im Kampf gegen die Dunkelheit ist, drei alte Freunde zu einem Treffen in ein Wirtshaus - Männer, deren Reisen und fantastische Erfahrungen sie an jenes Böse glauben lassen, das die Seele der Menschheit verschlingt. Während die Männer auf ihren alten Freund warten, erzählen sie sich ihre Erlebnisse von Schrecken und Horror und stellen Überlegungen an über ihren Anteil an Baltimores zeitlosem Kampf. Noch bevor die Nacht dem Morgen weicht, werden sie ihre Bestimmung erkennen ...

Meinung:

Vampire sind gegenwärtig ein Modethema: Nicht nur viele TV-Serien setzen auf die Blutsauger, sondern es erschien in den letzten Jahren auch eine Fülle von Romanen, die diese Geschöpfe der Nacht thematisiert - und oftmals als geheimnisvoll-gefährliche Liebhaber romantisiert, wie zum Beispiel die immens populäre Bella-und-Edward-Serie von Stephenie Meyer. Dass man dem Thema trotz dieser Überpräsenz allerdings auch noch völlig neue Sichtweisen abgewinnen und Vampire als grauenerregende Geschöpfen auftreten lassen kann, ohne dabei auf bekannte Utensilien wie Knoblauch und Kruzifixe zurückgreifen zu müssen, beweisen Mike Mignola (Schöpfer, Autor und Zeichner von Hellboy) und Christopher Golden (u.a. Verfasser einiger "Buffy"- und "Hellboy"-Bücher) in ihrem ersten gemeinsamen Roman "Baltimore, oder, Der standhafte Zinnsoldat und der Vampir".

"Baltimore" spielt in einem alternativen, aber unserer Realität sehr ähnlichen Europa zur Zeit des Ersten Weltkriegs: Der britische Offizier Lord Henry Baltimore wird bei einem nächtlichen Angriff auf eine Stellung der feindlichen Hessen schwer verletzt. Während er auf dem Schlachtfeld zwischen Leben und Tod vor sich hin dämmert, entdeckt er, dass sich nach Ende der Kampfhandlungen fledermausartige Aasfresser über die Leichen der Gefallenen hermachen. Nur um Haaresbreite entkommt er der übernatürlichen Gefahr - doch dass er in dieser Situation unter Notwehr sein eigenes Leben rettet, betrachten die uralten, unheimlichen Wesen als Provokation, und dafür muss in der Folge nicht nur er selbst, sondern auch der ganze Kontinent büßen.

Denn mit dem bald darauf einkehrenden Ende des Krieges bessert sich die Lage keineswegs. Eine ungewöhnliche Seuche, im Roman schlicht als "die Pest" bezeichnet, sorgt nicht nur für zahllose Todesopfer, sondern auch dafür, dass ganz Europa in grauer, melancholischer Tristesse versinkt: Die Menschen empfinden das Tageslicht als trüb, das Kaminfeuer spendet keine Wärme und trotz aller Gewürze schmeckt jede Speise unsagbar fad. In dieser Welt begegnen sich drei treue Freunde Baltimores, die einander bislang nicht kannten, um sich mit ihrem alten Gefährten zu treffen. Während der Chirurg Dr. Lemuel Rose, der Ex-Soldat Thomas Childress jr. und der Seemann Demetrius Aischros, allesamt vom Leben gezeichnet, auf Lord Baltimores Ankunft warten, tauschen sie untereinander ihre Erfahrungen mit dem Übernatürlichen aus.

Den größten Teil des Buches macht in der Tat genau dieses Warten auf die Rückkehr Henry Baltimores aus, doch das ist beileibe kein Nachteil: Erstens wird die Spannung, was genau dem Offizier nach Kriegsende widerfahren ist, auch in dieser Phase durch einige Andeutungen geschickt aufrechterhalten. Und zweitens sind die Geschichten, die die drei Männer sich zum Zeitvertreib und als Begründung für ihren Glauben an das Übersinnliche erzählen, ausgesprochen vielfältig aufgebaut und fesselnd geschildert. Hier profitiert der Roman ganz klar vom ungewöhnlichen, leicht archaisch wirkenden Sprachstil der Autoren, denn die unverbrauchte Ausdrucksweise lässt die geschilderten Schreckensszenarien besonders eindringlich erscheinen und passt zudem gut zur dargestellten Zeit. Leider ist die ansonsten ordentliche und stimmungsvolle Übersetzung von Christian Langhagen gelegentlich von leichten Stilbrüchen und Anglizismen durchsetzt, die die Atmosphäre mitunter unnötig durchbrechen.

Mignola und Golden variieren in "Baltimore" nicht nur den überstrapazierten Vampir-Mythos auf geschickte Weise und machen ihn so zu einer Parabel über die Schrecken des Krieges. Auch zu dem im Untertitel des Buches erwähnten "standhaften Zinnsoldat", der natürlich auf das gleichnamige Märchen von Hans Christian Andersen verweist, gibt es viele Parallelen, die nicht bei der Tatsache enden, dass auch Henry Baltimore ein Bein verloren hat und nun auf eine Prothese angewiesen ist. So weist auch dieser Roman genau die Vorzüge auf, die bereits Mignolas "Hellboy"-Geschichten auszeichnet: Das gekonnte Verweben der verschiedensten Versatzstücke lässt am Ende ein ganz eigenes, unverbrauchtes Werk entstehen, das viel mehr ist als die bloße Summe seiner Teile.

Eine weitere Besonderheit ist die Aufmachung des Buches selbst: Der Verlag Cross Cult, der in erster Linie auf Comics spezialisiert ist, hat sich für "Baltimore" an das großzügige, beinahe quadratische Hardcover-Format der Originalausgabe gehalten. Ebenfalls erhalten blieben die rund 150 Illustrationen, die Ausnahmekünstler Mike Mignola für diese Geschichte schuf. Überwiegend handelt es sich hier um kleinere Vignetten, die die Grundstimmung einzelner Szenen vermitteln sollen, doch mitunter liegen auch ganzseitige Porträts von Schlüsselfiguren vor, die durch Mignolas wuchtigen und schwarzlastigen Zeichenstil ausgesprochen imposant wirken. Das ungewöhnlich kräftige Papier lässt die Bilder hervorragend zur Geltung kommen und unterstreicht zudem die hochwertige Anmutung dieses Bandes. Wie bei vielen seiner Comic-Projekte ergänzt Cross Cult zudem auch die deutsche Ausgabe dieses Romans um einen üppigen Anhang, der in diesem Fall ein langes Interview mit Christopher Golden, Kurzporträts von Mike Mignola und Hans Christian Andersen sowie das Original-Märchen "Der standhafte Zinnsoldat" umfasst.

Fazit:

Es ist wenig verwunderlich, dass die Filmrechte an "Baltimore, oder, Der standhafte Zinnsoldat und der Vampir" bei Veröffentlichung des Buches praktisch schon verkauft waren: Nur selten bekommt man als Leser im Bereich der Fantastik heutzutage noch eine Geschichte geboten, die gleichzeitig so klassisch und doch so eigenständig ist. Die beiden Autoren erzählen hier nicht nur eine stark modernisierte und ausgebaute Fassung des Zinnsoldaten-Märchens, sondern entwerfen kurzerhand auch noch einen völlig neuen, unverbrauchten Vampir-Mythos, der die in letzter Zeit häufig zu romantischen Liebhabern degradierten Blutsauger endlich wieder richtig furchterregend wirken lässt - kein noch so verträumtes Gothic-Mädchen wird sich wünschen, einer dieser grausamen Bestien in die Fänge zu geraten. Abgerundet wird der Band durch die luxuriöse Aufmachung und die zahlreichen beeindruckenden Illustrationen von Mike Mignola, die die düstere, melancholische Stimmung dieses Romans perfekt visualisieren.

 
Copyright © 2008-2017 by booklove.de. Alle Rechte vorbehalten.