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Die Visionen der Seidenweberin  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Historisches
Geschrieben von Konstanze Tants   
Freitag, 21. März 2008

Die Visionen der Seidenweberin

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Dezember 2007
ISBN: 978-3-404-15803-4
Preis: 8,95 EUR

510 Seiten
Inhalt
4.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
4.4

Wertung:
4.4
von 10
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Zum Inhalt:

Europa im 16. Jahrhundert. Der Glaubenskampf tobt, doch nicht selten verbergen sich hinter den konfessionellen Auseinandersetzungen wirtschaftliche und politische Interessen. So auch bei Arndt van Geldern, einem der reichsten Kaufherren der katholischen freien Reichsstadt Köln. Der Geldverleih an den spanischen König Phillip und einige aufgrund von Pest, Hungersnot und Glaubenskriegen missglückte Geschäfte bringen ihn in finanzielle Schwierigkeiten. Der Tod seiner irrsinnigen Ehefrau und die Hochzeit seiner Tochter Columba mit dem feisten Fritjof van Ypern könnten den Kaufmann in die Lage versetzen, erneut Handel zu treiben. Doch Columba hat andere Pläne für ihr Leben.

Meinung:

Hannes Wertheim vermittelt dem Leser mit "Die Visionen der Seidenweberin" das Gefühl, einen gut recherchierten Roman über das Leben im Köln des 16. Jahrhunderts zu lesen. Der Autor gibt sich sehr viel Mühe bei der Darstellung des täglichen Lebens in den unterschiedlichsten Bereichen von Köln. Es wimmelt von Hinweisen auf die politische Lage in Europa und die Folgen, die diese auf jeden einzelnen Menschen hat. Die Fackel der katholischen Kirche wird hochgehalten und gerade deshalb sprießen in allen Ecken neue Glaubensrichtungen aus dem Boden.

In erster Linie scheint dieser Roman eine Verurteilung der Religionen zu sein, zumindest der Art von Religionen, die nur als Deckmäntelchen für die eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen der Menschen benutzt wird. Da wird harsch verfahren mit einer katholischen Kirche, die lieber einen Mord vertuscht, als den Gesichtsverlust gegenüber ihren Gläubigen hinzunehmen oder bei der sich Inquisitoren zum Instrument machen lassen, mit dem man lästige Frauen beseitigen kann.

Aber auch die Calvinisten werden nicht gerade positiv dargestellt. Hannes Wertheim beschreibt sie in "Die Visionen der Seidenweberin" größtenteils als Eiferer, die für ihren Glauben in den Tod gehen - und dies, obwohl im Namen ihres Glaubens, ebenso wie in der von ihnen verhassten katholischen Kirche, Gräueltaten begangen werden, denen auch die wahrhaft Gläubigen zum Opfer fallen.

Zwischen den diversen kirchenpolitischen Parteien zeigt der Autor die wenigen wirklich gläubigen Menschen als reine Opfer. Doch nicht nur gegenüber der Kirche sind sie machtlos, sondern auch gegenüber jenen Menschen, die aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen verleumden, intrigieren und morden. Und in all diesen religiösen, politischen und wirtschaftlichen Verwicklungen gehen die einzelnen Charaktere des Buchs leider unter.

Dabei hat Hannes Wertheim mit seinen Figuren grundsätzlich durchaus die Basis für einen mitreißenden Roman gelegt. Da gibt es Columba, die junge Tochter des Kaufherren Arndt van Gelder. Als intelligente und freiheitsliebende Frau streift sie lieber unbeaufsichtigt durch die Gassen Kölns, als sich mit der Rolle der behüteten Kaufmannstochter abzufinden, deren Wert allein darin besteht, gut verheiratet zu werden, um die Geschäfte ihres Vaters zu fördern. Columba hat sich schon fast mit der Heirat mit dem dummen und genusssüchtigen Fritjof van Ypern abgefunden, als sie einen Mann kennen lernt, der ihr Herz höher schlagen lässt. Unter diesen Umständen sucht sie verzweifelt einen Ausweg aus den Hochzeitsplänen, die ihr Vater geschmiedet hat.

Auch ihre Tante Rebecca hatte sich dem eingeengten Leben als Kaufmannswitwe nicht ergeben wollen. Doch sie hatte als vermögende Frau die Mittel, einen Beginenorden zu gründen, der es ihr ermöglicht, ein schlichtes Leben im Namen der katholischen Kirche zu führen, ohne auf ihr Hab und Gut zu verzichten. Doch gerade dieser Entschluss, ihr Vermögen für die Führung eines kleinen Klosters und zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen zu verwenden, bringt Rebecca in große Schwierigkeiten. Ihr in Bedrängnis geratener Schwager könnte ihr Geld gut gebrauchen, um seine Finanzen zu sanieren, und auch innerhalb des Beginenordens gibt es eine Neiderin, die alles dafür tun würde, um ihre Hand auf den Säckel der Magistra zu legen.

Diesen beiden Frauen stehen nur wenige Menschen zur Seite. Der aufgeschlossene und tolerante Doktor Birckmann hat, da er kein Familienangehöriger ist, kein Recht, in das Leben von Columba und Rebecca einzugreifen. Der junge und undurchsichtige Larzarus hingegen scheint eher seine eigenen Ziele zu verfolgen. Egoismus ist ohnehin ein großes Thema in diesem Buch. Ein jeder scheint nur seine Position zu vertreten, blind für die Menschen, die dabei vernichtet werden. Ein schönes Beispiel bildet hier Columbas Schwester Juliana, die gegen jede Vernunft und mit der Bereitschaft, für ihre Interessen über Leichen zu gehen, ihrer Vernarrtheit in einen frevelnden Diakon der katholischen Kirche nachgeht.

Doch trotz aller Schicksalsschläge, Intrigen, Gefahren und auch Freuden, denen die Figuren von "Die Visionen der Seidenweberin" entgegentreten müssen, schafft der Autor es nicht, den Leser wirklich mitfiebern zu lassen. Nicht einmal die Begegnungen mit dem erbarmungslosen Inquisitor können den Leser bewegen. Man wird so sehr in diesen Sumpf aus Intrigen, Politik und Mord hineingezogen, dass man gegenüber den Geschehnissen schnell abstumpft. In diesem Fall wäre weniger wirklich mehr gewesen.

Eine so konzentrierte Masse schlechter und egoistischer Menschen rund um den Haushalt des Kaufherren van Gelder wirkt nicht mehr erschütternd, sondern nur noch unglaubwürdig. Man fängt als Leser an, all diese Sachen hinzunehmen, ohne dabei den Glauben daran zu verlieren, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Doch wenn dies nicht geschieht ... ist es eigentlich auch nicht schlimm.

Fazit:

Hannes Wertheim hat für "Die Visionen der Seidenweberin" eigentlich alle Zutaten, die ein guter historischer Roman benötigt. Das fundierte Wissen über den Alltag im Köln des 16. Jahrhunderts, die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe und sympathische Frauenfiguren, die in einer einengenden Zeit um ein selbstbestimmtes Leben kämpfen, könnten die Basis für ein spannendes Buch sein. Doch leider gelingt es dem Autor nicht, den Funken beim Leser überspringen zu lassen. Aufgrund der Masse an Intrigen und Verwicklungen stumpft der Leser schnell ab, anstatt mitzufiebern.
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