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Das letzte Kapitel  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Historisches
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 4. April 2011

Das letzte Kapitel

Originaltitel: The Last Dickens
Untergenre: Kriminalroman
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Januar 2011
ISBN: 978-3-404-16539-1
Preis: 8,99 EUR

510 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
6.2

Wertung:
6.2
von 10
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Zum Inhalt:

Boston, 1870. Sylvanus Bendall eilt durch die engen Gassen des heruntergekommenen Stadtviertels New Land. Im fahlen Licht der Dämmerung wirkt der Nebel wie ein Leichentuch. Immer wieder dreht der Anwalt sich um und lauscht. Der Verfolger kommt näher. Bendall beschleunigt seine Schritte - vergeblich. Sein Blick fällt auf den Knauf eines Gehstocks, der wie ein Bestienkopf aussieht. Reißzähne blitzen auf. Bendall ahnt, was der Unbekannte mit den schwarzen Augen von ihm will: das Papierbündel in seiner Westentasche - die letzten unveröffentlichten Seiten aus der Feder des kürzlich verstorbenen Charles Dickens. Sie bergen ein dunkles Geheimnis - und jeder, der es kennt, muss sterben.

Meinung:

Ob man Matthew Pearls Roman "Das letzte Kapitel" genießen kann oder nicht, hängt ausnahmsweise mal sehr stark von den Erwartungen ab, mit denen der Leser dieses Buch beginnt. Denn obwohl der Klappentext einen reißerischen historischen Thriller zu versprechen scheint, bietet der Autor eher eine gemächliche und mit vielen historischen Details gespickte Geschichte, die als Hommage an den Schriftsteller Charles Dickens zu verstehen ist. Auch steht nicht der Anwalt Sylvanus Bendall im Mittelpunkt des Geschehens, sondern der amerikanische Verleger James R. Osgood.

Für Osgood ist es immens wichtig, dass er nach dem Tod des beliebten Schriftstellers Charles Dickens so schnell wie möglich an die letzten Seiten des Manuskripts zu "Das Geheimnis des Edwin Drood" gelangt. Für das Verlagshaus Field, Osgood & Co. könnten diese wenigen unveröffentlichten Seiten der Geschichte die Einnahmen bringen, die es vor einer feindlichen Übernahme der New Yorker Verleger Harper bewahren könnten. Doch bevor es dem Büroboten Daniel gelingen kann, die begehrten Seiten heil ins Verlagsgebäude zu bringen, wird er von einer unheimlichen Gestalt durch die Bostoner Straßen verfolgt und kommt dabei zu Tode.

Nach dieser dramatischen Szene zieht sich die Handlung etwas hin. Matthew Pearl erzählt die Geschichte auf drei verschiedenen Ebenen, die sich am Ende zu einem Gesamtbild vereinigen. So findet sich der Leser zu Beginn des Romans im indischen Dschungel wieder, wo zwei britische Polizisten ein paar Diebe jagen, während kurz darauf der Handlungsstrang rund um den Verleger Osgood beginnt. Der dritte Teil des Romans beleuchtet die letzte Amerikareise von Charles Dickens, bei der der Schriftsteller nicht nur wie ein Star gefeiert wurde, sondern bei der es auch zu einigen seltsamen Vorfällen kam.

Wer sich als Leser von der Erwartung lösen kann, dass es sich bei dieser Geschichte um einen Krimi handelt, den erwartet bei den Szenen rund um den sympathischen Verleger Osgood eine detaillierte Schilderung der Verlagswelt um 1870. Hier wird genau beschrieben, welche rechtlichen Probleme es für die amerikanischen Verleger bei ausländischen Autoren gab, wie wenig die Werke der Schriftsteller geschützt waren und mit welchen Methoden versucht wurde, den meisten Gewinn aus einem Text zu ziehen. Dabei wirken diese Passagen wie ein Aufruf an die Verlagswelt, ihre Autoren wertzuschätzen und sich daran zu erinnern, dass Qualität und eine anständige Behandlung der Künstler wichtiger - und auf Dauer lohnender - sind als das schnelle Geld mit der Ware Buch.

Auch über Charles Dickens gibt es in diesem Roman einiges zu erfahren, was dem durchschnittlichen Leser nicht so präsent sein dürfte. Doch vor allem steckt Matthew Pearl sein Publikum mit seiner Faszination bezüglich der unvollendeten Geschichte "Das Geheimnis des Edwin Drood" an. Gerade die unvollständigen Werke berühmter Autoren heizen doch die Fantasie des Lesers an und so bietet Matthew Pearl zwar eine eigene Theorie, welche Hintergründe Charles Dickens hätten inspirieren und wie die Geschichte hätte enden können, zeigt aber gleichzeitig auf, dass gerade das offene Ende den anhaltenden Reiz dieses Kriminalsromans ausmacht.

Neben seinen Beschreibungen der Verlagswelt und seinem Wissen über das Leben und das Werk von Charles Dickens überzeugt Matthew Pearl bei der Darstellung seiner Charaktere, wobei vor allem der Verleger Osgood positiv ins Auge fällt, und des damaligen Alltags. Der Autor lässt unauffällig sehr viele Elemente in die Geschichte einfließen, die einem das Gefühl geben, dass das Leben damals genau so gewesen sein muss.

Doch trotz all dieser wirklich positiven Aspekte kann "Das letzte Kapitel" letztendlich nicht vollauf überzeugen. Matthew Pearl verliert sich so sehr in Details, dass keine richtige Spannung aufkommen will. Außerdem hat man während des ganzen Buchs das Gefühl, dass der Erzählstrang, der in Indien stattfindet, keine nennenswerte Rolle in der Geschichte spielt und den Leser stattdessen immer wieder aus der - sowieso nicht so fesselnden - Handlung herausreißt. Insgesamt fehlt diesem Roman ein durchgehend überzeugendes Konzept und so muss man sich bis zum rasanten Showdown doch ein wenig durch die etwas drögeren Passagen des Buches kämpfen.

Fazit:

Als historischer Kriminalroman kann "Das letzte Kapitel" von Matthew Pearl leider nicht überzeugen. Der Geschichte fehlt es nicht nur an einer überzeugend konzipierten Handlung, sondern auch an der nötigen Spannung, die den Leser bis zum Ende des Buches mitfiebern lässt. Stattdessen bekommt man eine detaillierte und sehr gut recherchierte Hommage an Charles Dickens und die Verlagshäuser geboten, die noch den künstlerischen Wert eines Autors zu schätzen und zu fördern wissen. Wer Lust auf ein ungewöhnliches Werk rund um Charles Dickens hat, in dem man ein gutes Gefühl für die Zeit und die damaligen Lebensumstände bekommt, kann unbesorgt bei diesem Buch zugreifen. Wer hingegen einen fesselnden Kriminalroman bevorzugt, der sollte sich lieber eine andere Lektüre suchen.
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