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Der Kinderdieb  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Fantasy
Geschrieben von Konstanze Tants   
Mittwoch, 3. März 2010

Der Kinderdieb

Originaltitel: The Child Thief
Übersetzt von: Jakob Schmidt

Verlag: PAN
Erschienen: Februar 2010
ISBN: 978-3-426-28329-5
Preis: 16,95 EUR

664 Seiten
Inhalt
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Zum Inhalt:

Leise wie ein Schatten streift ein merkwürdiger Junge durch die dunklen Straßen von New York. Er nennt sich Peter und ist auf der Suche nach Kindern und Teenagern, die dringend Hilfe brauchen. Peter rettet sie - und bietet ihnen an, sie in sein magisches Reich zu führen, in dem niemand je erwachsen werden muss. Doch er verrät ihnen nicht, dass dieses Land im Sterben liegt und dort nicht nur magische Geschöpfe und das Abenteuer ihres Lebens auf sie warten, sondern auch größte Gefahr ...

Meinung:

"Der Kinderdieb" von Brom basiert auf dem Buch "Peter Pan" von James M. Barrie und nimmt in erster Linie die unheimlichen Seiten dieser Geschichte auf. Verwoben mit den düsteren Aspekten keltischen Sagenguts rund um Avalon, die Dame vom See und den Jäger Herne ist so eine fantastische Erzählung voller Gewalt und kriegerischer Elemente entstanden. Mit seiner Betonung der finsteren Zwischentöne in dem vermeintlichen Kinderbuch von James M. Barrie erschafft Brom eine ganze eigene Welt, die den Leser in ihren Bann zieht.

Sein Peter ist kein freundlicher, fröhlicher Geselle, der auszieht, um neue Spielkameraden in seine hübsche magische Welt zu bringen. Dieser Peter ist ein Kinderdieb, er erschleicht sich das Vertrauen von verlorenen Kindern, von misshandelten und verstoßenen Wesen, die sich nach einem Ort sehnen, an dem sie sicher und geborgen sind und wo man sich um sie kümmert. Doch Sicherheit und Geborgenheit suchen sie in Avalon vergeblich. Trotz der Kameradschaft, die unter Peters "Teufeln" herrscht, beginnt für die Kinder hier ein ebenso schrecklicher Überlebenskampf wie in ihrem vorherigen Leben voller Missbrauch, Drogen und Gewalt.

Avalon ist der einzig verbliebene magische Fleck auf der Welt, eine kleine, vom Nebel eingeschlossene Insel, auf der Modron (die Dame vom See) zusammen mit den letzten übernatürlichen Wesen lebt. Doch nicht nur die magischen Geschöpfe sind auf der Insel gefangen, auch eine Gruppe von "Fleischfressern", die Jagd auf alles macht, was in ihren Augen dämonisch scheint. Würden Modrons Anhänger sich mit ihrer Schwester, der Hexe Ginny Grünzahn, und den Kindern zusammentun, dann wären die Fleischfresser schnell besiegt und die Zuflucht der alten Götter sicher. Doch Zusammenarbeit liegt diesen wilden Geschöpfen nicht und so müssen sie sich auch voreinander in Acht nehmen.

Es ist nicht einfach, eine Zielgruppe für dieses ungewöhnliche Buch zu bestimmen. Obwohl man den Großteil der Geschichte aus der Perspektive von Nick verfolgt, einem Vierzehnjährigen, der Peter von New York aus durch den Nebel nach Avalon folgt, ist es nicht einfach eine Geschichte für Jugendliche. Im Prolog erlebt der Leser, wie ein Mädchen von seinem Vater missbraucht wird, und es geht weiter mit Szenen voller Gewalt, mit Kämpfen, bei denen Gedärme verteilt und Gliedmaßen abgeschlagen werden. "Der Kinderdieb" ist ein düsteres und spannendes Werk, das vom Leser so einiges fordert, ihn dafür aber auch mit überzeugenden und interessanten Charakteren und Szenen voller Magie, Freundschaft und wildem Spieltrieb belohnt.

Ein erwachsenes Publikum hingegen muss sich noch einen Funken Kindheit bewahrt haben, um die Beweggründe von Nick und Peters anderen Kindern nachvollziehen zu können. Trotz seiner Vorgeschichte, die ihn dazu brachte, von zuhause wegzulaufen, ist Nick doch noch sehr jung. Seine Mutter ist aus seiner Sicht an all seinen Problemen Schuld und Flucht ist für ihn die leichteste Möglichkeit, mit allen schwierigen Situationen umzugehen. Dabei ist der Junge nicht dumm - und wie alle anderen Kinder in Avalon muss er nach seiner Ankunft in Peters Feste sehr schnell erwachsen werden.

Es gelingt Brom hervorragend, die Balance zwischen dem kindlichen Verhalten von Peters "Teufeln" und ihrem Überlebenskampf darzustellen. Seine verlorenen Kinder sind nur gemeinsam in der Feste in Sicherheit; ohne ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ohne Kampftraining und gewisse Regeln würde jedes Verlassen dieser Zuflucht ihren Tod bedeuten. Doch trotz aller Anforderungen, die das Leben in Avalon an sie stellt, sind sie immer noch Kinder geblieben. Abgesehen von den wenigen Gesetzen, die ihr Überleben sichern, gibt es für sie keine Grenzen. Wie bei jungen Raubtieren ist für sie Spiel und Kampf eins, hier festigen sie ihre Freundschaft, klären so aber auch die Rangordnung unter den Teufeln.

Auch die magischen Geschöpfe von Avalon sind keine glitzernden Märchengestalten, die im Sonnenschein tanzen und von Luft und Liebe leben. Hier begegnet der Leser urtümlichen Gottheiten, die - trotz ihres drohenden Untergangs - an veralteten Verhaltensweisen und Rivalitäten festhalten. Selbst die Dame vom See ist deutlich weniger harmlos, als es anfangs scheint. Nicht ohne Grund warnt die Hexe Peter, dass er an sie zwar ein Auge, aber an Modron seine Seele verlieren würde.

Doch trotz all der Kämpfe auf der magischen Insel erscheint einem der ursprüngliche Überlebenskampf in Avalon fast harmlos im Vergleich zu dem Bild, das Brom vom Leben in den Gassen des heutigen New Yorks zeichnet. Denn in Avalon scheint es - bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Parteien - zumindest für jedes Geschöpf eine Gruppe zu geben, zu der es dazu gehört, die an seiner Seite kämpft und der es sich verbunden fühlt.

Selbst Peter, dessen Entwicklung man eindrucksvoll anhand verschiedener Rückblicke verfolgen kann, ist es gelungen, sich mit den Kindern eine eigene Art von Familie aufzubauen. Seine Teufel bewundern ihn und würden alles für ihn tun, und trotz aller Härte (die nun einmal in seinem Naturell liegt und die es ihm ermöglicht, seine Aufgabe zu erfüllen) hängt auch sein Herz an diesen Kindern, die er mit dem Versprechen auf eine bessere Zuflucht aus ihrer Welt gelockt hat.

Broms "Kinderdieb" ist keine schöne Geschichte, aber ein düsteres und eindrucksvolles Werk, das der Leser so schnell nicht wieder vergessen wird. Der Autor lässt zwischen den Buchseiten ein ursprüngliches, magisches Reich voller Gefahren und Grausamkeiten entstehen - und doch ist man sich beim Lesen sicher, dass genau dieser unheimliche, fantastische Funke in unserer heutigen Welt fehlt. Doch nicht nur die spannende und düstere Handlung zieht einen in ihren Bann, sondern auch die Schwarzweiß-Illustrationen des Autors zu Beginn eines jeden Kapitels und die ein wenig altmodisch wirkenden, aber umso passenderen Farbseiten in der Mitte des Buches. Jede dieser Zeichnungen stellt einen Charakter oder ein magisches Geschöpf dar und ergänzt somit die Geschichte auf wundervolle Weise.

Fazit:

"Der Kinderdieb" von Brom ist ein wirklich eindrucksvolles Werk, das man als Leser nicht so schnell wieder vergessen wird. Basierend auf J. M. Barries "Peter Pan" erzählt der Autor eine finstere, fantastische Geschichte von einem fremdartigen Jungen, der nachts durch die Straßen New Yorks streift und die missbrauchten und verlorenen Kinder mitnimmt. Doch in Peters magischem Reich warten keine zauberhaften Abenteuer, sondern eine Welt voller ursprünglicher Gefahren, alter Götter und fanatischer Feinde, die alles Übernatürliche zerstören wollen.
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