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Ich hatte vergessen, dass ich ...  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Jana Witte   
Donnerstag, 16. September 2010

Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Originaltitel: Les heures souterraines
Übersetzt von: Doris Heinemann

Verlag: Droemer
Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-426-19886-5
Preis: 18,00 EUR

256 Seiten
Inhalt
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Preis/Leistung
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Gesamtwertung
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Zum Inhalt:

Hoffen wir nicht alle immer wieder einmal auf eine Begegnung, die unser Leben verändert und zum Guten wendet? Mathilde hält sich für eine starke Frau, tatkräftig und entschlossen. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei wundervollen Jungen und sie liebt ihre Arbeit. Wozu sollte sie sich eine Veränderung wünschen? Doch die Veränderung kommt. Mathildes Chef beginnt sie zu mobben, immer stärker leidet sie unter der Situation im Büro. Da prophezeit ihr eine Wahrsagerin eine ganz besondere Begegnung und Mathilde hofft. Doch worauf? Auf das befreiende Gespräch mit ihrem Chef? Auf die Rückkehr ihrer alten Stärke? Oder auf die Begegnung mit einem ganz besonderen Mann? Der prophezeite Tag bricht an ...

Meinung:

Nach dem sehr gut aufgenommenen Buch "No & ich" ist nunmehr auch Delphine de Vigans neuer Roman "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" als Hardcover im Droemer-Verlag erschienen. Die Pariser Soziologin und Autorin beleuchtet hier die Einzelschicksale zweier Erwachsener um die 40 in Paris.

Zum einen erzählt Delphine de Vigan von Mathilde, einer alleinerziehenden Mutter von drei Söhnen. Ihr Vorgesetzter Jacques Pelletier hat sie persönlich in sein Team geholt, ihr Vertrauen geschenkt und sie für den Job geformt ... bis Mathilde ihm eines Tages in einer Präsentation zwar nicht direkt widerspricht, jedoch für jeden spürbar seine Einschätzung relativiert. Es folgen monatelang verschleierte, aber äußerst wirksame Angriffe durch ihren cholerischen Chef. Nach und nach isoliert er Mathilde und untergräbt ihr Selbstwertgefühl. Aus irrwitziger Verzweiflung sucht sie eine Wahrsagerin auf, die ihr prophezeit, dass sie am 20. Mai einen Mann treffen, dass sich ihr Leben verändern werde. Mathilde macht sich am 20. Mai auf den Weg zur Arbeit und hofft.

Neben Mathilde richtet die Autorin den Blick auf Thibault. Er arbeitet als Arzt bei den urgences médicales. Es ist ein aufreibender Job, in dem er nicht nur auf hilfebedürftige Menschen im rein medizinischen Sinne trifft. Thibault lebt außerdem in einer ungesunden Beziehung mit Lila. Während er liebt und die Beziehung zu ihr über den Sex hinausführen will, bleibt Lila auf emotionaler Distanz. Am Morgen des 20. Mai verlässt Thiebault Lila und fährt zur Arbeit.

Hinter dem sperrigen deutschen Titel verbirgt sich ein ruhiger Roman. Er bezieht eine gewisse Spannung aus der Frage, ob und wie sich Mathildes Leben am 20. Mai verändern und ob Thibault hieran Anteil haben wird. Leichtgängig ist das Buch nicht. Zu der Thematik kommt der Schreibstil mit selten auftauchender direkter Rede, dem sprachlichen Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform und den sich wiederholenden, verstärkenden Metaphern.

Dennoch zieht "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" durch Delphine de Vigans Charakterdarstellung und die Hoffnung auf eine positive Veränderung den Leser in seinen Bann. Abwechselnd lässt die Autorin den Leser in Mathildes und Thibaults Kopf blicken, er lernt ihre Geschichten kennen, ihr Umfeld. Wieder und wieder durchdenkt er mit Mathilde, wie es zu ihrer aktuellen Situation kommen konnte, was sie hätte anders machen können. Der Leser fährt mit Thibault zu verschiedenen Patienten, spürt mit ihm seinen Empfindungen für Lila und seinem Leben nach.

So verschieden Mathildes und Thibaults Lebensumstände auch sind, so sehr ähneln sich ihre Gefühle. Sie werden beide von einem anderen Menschen auf Distanz gehalten und isoliert, sind erschöpft und auf der Suche nach einem Ausweg. Die Autorin betont und verstärkt diese Wirkung, indem sie einerseits konsequent die Charaktere getrennt hält, Mathilde und Thibault andererseits trotz verschiedener Situationen auch zu wortwörtlich identischen Empfindungen und Überlegungen kommen lässt. Einige Leser werden sich in Thibault, Mathilde oder deren Arbeitskollegen erkennen, andere mitfühlen oder angesichts der Zurückhaltung irritiert aufschauen. Denn Delphine de Vigans Protagonisten sind in ihrer Verletzlichkeit lebendig und für den Leser greifbar.

Fazit:

In "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" erlebt der Leser nicht nur einen Tag mit Mathilde und Thibaut, sondern reflektiert mit ihnen auch über ihr bisheriges Leben. In ruhiger Sprache schildert Delphine de Vigan Beziehungsprobleme privater und geschäftlicher Natur, Vertrauensverlust, aber auch Hoffnung. Auf knapp 250 Seiten ist es der Autorin naturgemäß nicht möglich, diese Themen in voller Tiefe zu erforschen und zu transportieren. Aber mit der dichten und charakterstarken Erzählung kann Delphine de Vigan den Leser fordern - und das gelingt ihr.
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