Banner bookdepository.com

Aus den Fugen  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Viola Reinhardt   
Donnerstag, 5. Juni 2008

Aus den Fugen

Verlag: BoD
Erschienen: April 2008
ISBN: 978-3-8370-6098-0
Preis: 19,95 EUR

348 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
7.9

Wertung:
7.9
von 10
Jetzt kaufen



Zum Inhalt:

Ilse und ihr Mann Dr. Manuel Wegener führen seit fast 25 Jahren eine der Ehen, die keine mehr ist. Nach so langer Zeit ist die Luft raus. Lieblos im Umgang miteinander und unfähig, ihre Probleme zu erkennen und sich den Wahrheiten zu stellen, leben sie nebeneinander her. Ilse hat seit drei Jahren ein Verhältnis mit dem besten Freund von Manuel. Wegener, der zu Hause mit seiner Frau die Machtspielchen treibt, die er in der Klinik nicht ausleben kann, spielt ein perfides Spiel. Er will besitzen, manipulieren. So wird Ilse zum Spielball seiner Demütigungen und Gewaltausbrüche. Bis Manuel Wegener im Krankenhaus die unerfahrene Vivien trifft. Wegener hat somit ein neues Spielzeug gefunden. Die Geschichte eskaliert in dramatischer Form.

Meinung:

Silvia Wolf hat mit ihrem Debütroman "Aus den Fugen" eine weltweite Problematik, die der Abhängigkeiten, in Romanform verpackt, wodurch es dem Leser leicht gemacht wird, sich in den Protagonisten wiederzufinden. Wie die Autorin in der Einleitung selbst schreibt, entstand dieser Roman aus persönlichen Gründen sowie auf Grundlage täglich miterlebter Geschehnisse in ihrem Bekanntenkreis. Um die eigenen Erlebnisse besser verarbeiten zu können und Bekannte sowie Leserinnen aufzurütteln, entschloss sich Silvia Wolf dazu, dieses Buch zu schreiben.

Man glaubt ihr gerne, dass sie mit ihrer Hauptperson Vivien einiges gemeinsam hat, wie etwa die bestimmende, ins Leben eingreifende Mutter, die ihre Tochter ständig klein zu halten versucht und ihr an allem die Schuld gibt. Allerdings betont die Autorin, dass sie keinem "Dr. Wegener" in die Hände gefallen ist. Und wenn man von der Beschreibung dieses Arztes im Roman ausgeht, wünscht man auch keiner Frau, eine derart kranke Persönlichkeit kennen zu lernen. Doch solche Männer gibt es an jeder Ecke und während des Lesens kann man sich die Figur bestens vorstellen. Machthungrig, besitzergreifend und brutal, behandelt er nicht nur seine Ehefrau Ilse wie sein Eigentum, das sich ihm zu unterwerfen hat, sondern auch die nach Liebe suchende Vivien.

Von seelischer und körperlicher Abhängigkeit über Sadismus bis hin zu Hörigkeit und Gewalt ist in dem Roman alles vertreten, was täglich in Beziehungen gelebt wird. Man begleitet die eigentliche Hauptfigur Vivien, die von ihrer Mutter bis zu deren Tod unterdrückt und missachtet wurde, durch Ereignisse, die einen zwischen Mitgefühl und Unverständnis schwanken lassen. Einerseits erscheint Vivien als starke Frau, die genau weiß, was sie will. Anderseits unterwirft sie sich, sobald sie unter Druck gerät, und wird zudem von Schuldgefühlen geplagt.

Während ihre Mutter im Sterben liegt, lernt sie Dr. Wegener kennen und verliert sich in einer Abhängigkeit, die sie als die Liebe ihres Lebens ansieht. Er jedoch benutzt und manipuliert Vivien, die er lediglich als neues Spielzeug für seine sexuellen Perversionen ansieht. Wegener spürt, dass Vivien Angst vor der Einsamkeit hat und auf der Suche nach einer Person ist, die sie liebt. Deshalb bringt er sie bereits im Krankenhaus dazu, ihm gänzlich zu verfallen. Spätestens ab diesem Moment beginnt man, mit den Personen im Buch mitzuleben, und während man sich Seite für Seite weiterbewegt, steigen in einem selbst die Emotionen hoch.

Besonders spannend entwickelt sich die Geschichte, als Manuel Wegener vom Verhältnis seiner Frau Ilse mit seinem besten Freund Robert erfährt und er seinen "Besitz" zu verlieren fürchtet. Ab etwa der Mitte des Romans hat man Schwierigkeiten, das Buch aus der Hand zu legen, da man einfach mitfiebert, wie sich das kommende Drama entwickeln und - vor allem - wie es enden wird. Sehr lebensnah durchlebt man die Ängste, die Wut, die Hoffnungen und die mörderischen Gedanken der Protagonisten. Überlegungen machen sich breit, wie anfällig das Gehirn eines Menschen doch für Sehnsüchte nach Liebe, Anerkennung und Gebrauchtwerden ist. Auch nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, gehen die Überlegungen weiter und im eigenen Bekanntenkreis beginnen Diskussionen über das Thema Abhängigkeit und ihre Folgen.

Der Roman ist geprägt von einer stark emotionalen Schreibweise, die dem Leser oft ein schnelles Umdenken von einem Szenario zum nächsten abverlangt und manchem etwas schwer fallen könnte. Gerade eben noch befindet man sich mit Vivien in der Klinik und bei ihren Sehnsüchten, dann kommt schon der Sprung zu Dr. Wegeners Frau Ilse, die sich auf den Weg zu ihrem Liebhaber macht. Das verursacht zwischenzeitig immer wieder mal das Gefühl, zu schnell umschalten zu müssen.

Fazit:

Dieser Roman zeigt in anschaulicher Weise, wie schnell der Mensch (bzw. die Frau) in den Strudel der Abhängigkeit und Hörigkeit geraten und wie viel Macht ein Mensch über einen anderen haben kann - selbst über den Tod hinaus.
"Aus den Fugen" ist ein Buch, das wachrüttelt und zum Nachdenken anregt, wodurch es jeder Frau (oder auch jedem Mann) nur empfohlen werden kann. Es fordert einen auf, sich mit seinen eigenen Abhängigkeiten zu beschäftigen und zu hinterfragen, was eine gleichberechtigte und liebevolle Partnerschaft wirklich ausmacht. Einen kleinen Kritikpunkt stellt allerdings der extreme Emotionsfluss der Erzählung dar, der es dem Leser durch viele schnelle Sprünge etwas schwierig macht, der Handlung jederzeit problemlos zu folgen.

 
Copyright © 2008-2017 by booklove.de. Alle Rechte vorbehalten.