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Am Strand  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Donnerstag, 20. März 2008

Am Strand

Originaltitel: On Chesil Beach
Übersetzt von: Bernhard Robben

Verlag: Diogenes
Erschienen: August 2007
ISBN: 978-3-257-0607-1
Preis: 18,90 EUR

207 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
5.0
Gesamtwertung
7.7

Wertung:
7.7
von 10
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Zum Inhalt:

In der Novelle "Am Strand" von Ian McEwan erlebt der Leser minutiös die Hochzeitsnacht von Edward und Florence. Sie befinden sich 1962 in einem kleinen Hotel an der Küste von Dorset. Während des Dinners, welches sie weniger aus Hunger denn aufgrund unausgesprochener gesellschaftlicher Regeln zu sich nehmen, wird in Rückblicken erzählt, wie sich das junge Paar kennen und lieben gelernt hat.

Meinung:

Mit "Am Strand" ist dem Autor ein überaus ungewöhnliches Stück Literatur gelungen. Die Geschichte der Liebe zwischen Florence und Edward, die nun in der Hochzeitsnacht ihren Höhepunkt finden soll, ist sensibel und eindringlich geschildert. Beide Hauptfiguren haben so gut wie keinerlei sexuelle Erfahrungen gesammelt und auch wenn die ersten Vorläufer eines neuen und fast schon zu offenen Umgangs mit Sexualität die beiden gestreift haben, so bestand Florence und Edwards Aufklärung in dieser Hinsicht aus Gesprächen von Freunden, die schon mehr Erfahrungen sammeln konnten, und einem eher unglücklich formulierten Ratgeber für junge Bräute.

Doch obwohl die beiden 22-jährigen der Gedanke an die Dinge, die in der Hochzeitsnacht geschehen werden, nicht mehr loslässt, kann keiner von ihnen auf den anderen zugehen und über die Ängste und Hoffnungen reden, die damit verbunden sind. Dieser Mangel an Kommunikation wird zu einem fast unüberwindbaren Hindernis für die frisch Vermählten.

Eindringlich und sensibel beschreibt Ian McEwan das Gefühlschaos von Florence und Edward, immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die den Leser mehr über die beiden Charaktere erfahren lassen. So wuchs Edward in einem eher gutbürgerlichen Haushalt auf, der geprägt wurde von der geistigen Verwirrung der Mutter, die nach einem Unfall einen Hirnschaden davon getragen hat. Florence hingegen hatte den Vorteil gebildeter und vermögender Eltern, die sie von Kindheit an förderten. Reisen mit dem Vater und die besten Musiklehrer haben ihre Kindheit bestimmt.

Wenn von ihrem Elternhaus die Rede ist, schimmert bei der jungen Frau nur ein leichter Misston durch. Und bei jeder Szene, in der ihre Eltern erwähnt werden, sucht man einen Grund für ihre Ängste gegenüber körperlicher Nähe. Edward hingegen, der durch die offensichtlichen Defizite seiner Mutter eine ungewöhnliche Kindheit durchlebte, scheint diese Zeit fast vollständig hinter sich gelassen zu haben. Sein erfolgreich beendetes Studium und seine akademischen Fähigkeiten versprechen ihm eine aussichtsreiche Zukunft und voller Tatenkraft ist er gewillt, dieser Zukunft zuversichtlich entgegenzutreten.

Doch all diese Zuversicht, die Bildung und die innige Liebe, die die beiden verbindet, reichen nicht aus, um die anerzogenen Hemmungen zu überwinden und miteinander zu reden. So versuchen sowohl Edward als auch Florence Erwartungen zu erfüllen, von denen sie glauben, dass der andere sie hegt. Obwohl sie schon ein Jahr zusammen sind und Edward im Haus von Florences Eltern eine Dachkammer bewohnt hat, kennen sich die jungen Leute kaum.

In dieser einen Nacht am Strand kommt es nun zu einem Moment, in dem sich die aufgestauten Emotionen nicht mehr zurückhalten lassen. Hin- und hergerissen zwischen dem, was sie von sich selber und vom Partner erwarten, stehen die jungen Leute da und müssen versuchen, einen gemeinsamen Weg durch die vielen kleinen Missverständnisse zu finden.

Doch weder ihre Erziehung noch ihr Alter sind ihnen da einen Hilfe. Schnell entstehen kleine Kränkungen und da die Erfahrung fehlt, um damit umzugehen, bilden selbst diese Kleinigkeiten unüberwindbare Hindernisse. Insgesamt sind die kleinen Dinge, die die Geschichte von Florence und Edward ausmachen, wunderbar und auch für eine Generation, die vollkommen anders aufgewachsen ist, nachvollziehbar geschildert. Allerdings kommt doch hin und wieder der Gedanke auf, dass es fast unmöglich sein kann, dass zwei junge Menschen so unerfahren und hilflos gegenüber dem anderen Geschlecht aufwachsen.

Über diese Zweifel helfen die Andeutungen hinweg, die sich durch das gesamte Buch hindurchziehen und anklingen lassen, dass vielleicht nicht allein die altmodische und relativ gefühlskalte Erziehung zu solchen Ängsten und zu solch einer Hilflosigkeit geführt haben. Doch hier bleibt es auch bei Andeutungen, der Leser kann sich selbst seine Gedanken machen, ohne dass der Autor am Ende genau aufklärt, was nun in der Vergangenheit geschehen sein könnte.

Fazit:

Mit "Am Strand" hat Ian McEwan eine ungewöhnliche und sensible Novelle über zwei Menschen geschrieben, die ihrer Liebe hilflos ausgeliefert sind. Die Erwartungen in der Hochzeitsnacht, gebündelt mit einer sehr konservativen Erziehung und der Unfähigkeit, über Gefühle zu reden, münden in eine Situation, die das Leben der Hauptcharaktere für immer beeinflusst. Für den Leser bietet diese Lektüre ein atmosphärisch eindringliches Leseerlebnis.

 
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