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Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Sonntag, 10. Mai 2009

Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand

Untergenre: Biografie
Verlag: Gerstenberg
Erschienen: Februar 2009
ISBN: 978-3-8369-5241-5
Preis: 14,90 EUR

256 Seiten
Inhalt
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Zum Inhalt:

Sie nannten sich selbst U-Boote, die Berliner Juden, die während der Nazi-Herrschaft aus Angst vor der drohenden Deportation in den Untergrund gingen. Anfang 1943 muss auch Eugen untertauchen, der Schutz des nicht-jüdischen Stiefvaters reicht nicht mehr aus. Er findet Zuflucht in Luckenwalde, einer Kleinstadt bei Berlin. Bald schon bilden hier die Nazi-Gegner, die Juden verstecken, gemeinsam mit diesen Juden eine Widerstandsgruppe, und Eugen ist mit dabei. Endlich kann er selbst etwas tun! Er zieht Flugblätter ab und verteilt sie, und er hilft dabei, Verfolgten Unterschlupf und falsche Papiere zu besorgen. Immer tollkühner werden die Aktionen ...

Meinung:

Eugen Herman-Friedes biografisches Buch "Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand" präsentiert eine ungewöhnliche Sicht auf das Leben eines jüdischen Jungen in Berlin während des Zweiten Weltkriegs. Der Autor beschreibt seine ganz eigenen Erlebnisse während der Kriegszeit eindringlich und ohne zu beschönigen. In fast jedem Satz klingt mit, was für ein Glück er hatte, dass er so viel Hilfe und Beistand erfahren hat - was die Passagen, in denen der Leser mehr über die Lage der Juden erfährt, umso erschreckender wirken lässt.

Als Stiefsohn eines "arischen" Vertreters genießt Eugen lange Zeit Schutz vor den Einschränkungen, die die Juden nach Hitlers Machtergreifung über sich ergehen lassen müssen. Während die Freunde seiner Mutter schon längst auf Radios, Autos und andere Annehmlichkeiten verzichten müssen, laufen diese Dinge in seinem Elternhaus weiter auf den Namen des Vaters. All die vielen kleinen Elemente, die das Leben der Juden Schritt für Schritt unerträglicher machen, gehen fast unmerklich an dem kleinen Eugen vorbei.

Der Junge weiß kaum, was ein Jude ist, als Hitler an die Macht kommt, da seine Mutter ihre Traditionen abgelegt hat, als sie ihren zweiten Mann heiratete. Erst als er mit ansehen muss, wie seine Klassenkameraden immer schlechter leben, erfährt er von seiner Mutter und ihren Freunden mehr über jüdische Religion und darf bei den Eltern eines Schulfreundes seinen ersten Schabbat erleben. Von seiner Familie sehr behütet, spürt er zwar die allgegenwärtige Angst der jüdischen Bekannten seiner Eltern, fühlt sich persönlich aber lange Zeit nicht betroffen.

Die Tatsache, dass er als Einziger in der Familie einen Judenstern tragen muss, irritiert ihn zwar, führt aber auch dazu, dass ihm plötzlich wildfremde Menschen auf der Straße Mut zusprechen oder Pakete mit Butterbroten zustecken. Dieser Unterstützung, die Eugen Herman-Friedes Tag für Tag auf den Straßen Berlins bekommt, verdankt der Leser wohl auch diesen erstaunlich objektiven Bericht über seine Kindheit während der Nazi-Zeit.

Letztendlich muss sich auch Eugen vor der Willkür überzeugter Nationalsozialisten in Sicherheit bringen und spürt schon lange, bevor er abtauchen muss, wie ernst die Lage für die Juden in Deutschland geworden ist. Aber zum Ausgleich bekommt der Junge auch immer wieder vor Augen geführt, dass nicht jeder "arische" Mensch mit Hitler und seinen Machenschaften einverstanden ist. Dieser Haltung hat Eugen es zu verdanken, dass er bis zum Herbst 1944 in relativer Sicherheit leben kann.

Einige mutige Menschen haben sich unter der Leitung von Hans Winkler zum "Sparverein Großer Einsatz" zusammengeschlossen, um untergetauchte Juden (die so genannten U-Boote) mit Verstecken, Lebensmitteln und Geld zu helfen. In dem kleinen Ort Luckenwalde bei Berlin findet Eugen bei Winkler und seinen Freunden Unterschlupf und erlebt, wie diese alles riskieren, um fremden Menschen ein kleines Stückchen Sicherheit bieten zu können. Auch Werner Scharff und seine Freundin Fancia Grün finden bei Winkler Hilfe, als es ihnen gelingt, aus dem Lager Theresienstadt zu fliehen.

Scharffs Überzeugung, dass es nicht reicht, den verfolgten Juden zu helfen, sondern dass man aktiv gegen Hitler und seine Schergen vorgehen muss, führt zu der Widerstandsvereinigung "Gemeinschaft für Frieden und Aufbau", in der sich auch Eugen nach besten Kräften einsetzt. Vor allem geht es dieser Gruppe darum, über landesweite Flugblätter und Kettenbriefe darauf aufmerksam zu machen, was wirklich in Deutschland mit den Juden geschieht. Die Unterstützung, die sie von nichtjüdischen Deutschen erfahren haben, hat sie davon überzeugt, dass nur Aufklärung vonnöten sei, damit sich das Volk gegen den Diktator erhebt. Doch Ende 1944 fliegt die Bewegung auf, als sie versuchen, neue Unterstützung für ihre Gemeinschaft zu finden, und die Widerständler werden verhaftet.

Es ist diesem Buch deutlich anzumerken, dass Eugen Herman-Friede schon seit vielen Jahren Schülern seine Lebensgeschichte erzählt, um die Schrecken der Naziherrschaft nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. "Abgetaucht!" ist flüssig geschrieben und macht durch die vielen kleinen Begebenheiten, die der junge Eugen erlebt, deutlich, wie grausam Hitlers Umgang mit den Juden war. Gerade weil der Autor so neutral und objektiv schreibt, gerade weil er als Kind so naiv und ungläubig auf die Berichte über Deportationen und Massenvernichtungslager reagierte, wirken seine Erlebnisse so eindringlich auf den Leser und sorgen dafür, dass seine Erinnerungen noch lange nachhallen.

Fazit:

Angesichts der Tatsache, dass inzwischen fast 65 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind, ist es wichtig, die Erinnerungen an die Gräueltaten der Nazis lebendig zu halten. "Abgetaucht!", Eugen Herman-Friedes Bericht über seine Kindheit und Jugend als untergetauchter Jude im Berlin der Kriegszeit wirkt vor allem durch die sehr objektive Erzählweise eindringlich auf den Leser. Man liest von den Grausamkeiten, die Tag für Tag an den Juden begangen wurden, aber auch von den Personen, die ihr Leben und das ihrer Familien riskierten, um den verfolgten Menschen Hilfe bieten zu können. Die routinierte Erzählweise des Autors ist gewiss darauf zurückzuführen, dass er seit Jahren Schülern seine Geschichte erzählt, und sorgt dafür, dass man das Gelesene so schnell nicht wieder vergisst.
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