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Sleeper 1: Das Schaf im Wolfspelz  Drucken E-Mail
Comics: Amerika Krimi & Thriller
Geschrieben von Manuel Tants   
Mittwoch, 24. September 2008

Sleeper 1: Das Schaf im Wolfspelz

Autor: Ed Brubaker
Zeichner: Sean Phillips

Originaltitel: Sleeper: Out in the Cold
Übersetzt von: Maria Morlock

Reihe: Sleeper
1. Band der Reihe

Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: Juli 2008
ISBN: 978-3-936480-71-9
Preis: 19,80 EUR

144 Seiten
Inhalt
8.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.1

Wertung:
8.1
von 10
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Zum Inhalt:

Holden Carver ist ein Mann mit vielen Geheimnissen. Als Teil der global operierenden Geheimorganisation des kriminellen Genies Tao, die von Drogenhandel über Weltpolitik an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehört Carver zu den Schergen eines der meist gesuchten Verbrecher der Welt. Unaufhaltsam klettert Carver in den Rängen des Unterwelt-Syndikats nach oben, und mit jeder Sprosse, die er erklimmt, lässt er ein Stück seines früheren Ichs zurück. Denn Holden Carver ist auch ein Undercover-Agent, eingeschleust in das allumspannende kriminelle Netzwerk von Geheimdienstchef John Lynch, der nach einem Mordanschlag im Koma liegt. Seines einzigen Verbindungsmanns auf der richtigen Seite des Gesetzes beraubt, muss das "Schaf im Wolfspelz" alle moralischen Vorbehalte über Bord werfen, um zu überleben.

Meinung:

"Sleeper" ist im Superhelden-Universum von Wildstorm angesiedelt, und auch Holden Carver, die Hauptfigur der Geschichte, besitzt Superkräfte: Seit er ein Alien-Artefakt berührt hat, verspürt er keinerlei Schmerz mehr. Stattdessen wird die Pein in seinem Körper wie in einer Batterie gespeichert - und auf die nächstbeste Person übertragen, die ihn berührt. Passend dazu verfügt er über rasante Selbstheilungskräfte, die ihn auch größere Verletzungen überleben lassen. Carver selbst bezeichnet diese Fähigkeiten allerdings eher als "Zustand", denn er leidet unter der Abstumpfung und Isolation, die sie mit sich bringen.

Doch trotz der übermenschlichen Fähigkeiten des Protagonisten und vieler seiner Kollegen und Gegner ist "Sleeper" in erster Linie ein Thriller, denn es geht vor allem um Carvers Tätigkeit als Undercover-Agent im Verbrechersyndikat des ebenso enigmatischen wie manipulativen Tao. Zu John Lynch, seinem Kontaktmann bei der geheimdienstartigen Organisation zur Verbrechensbekämpfung, für die er eigentlich tätig ist, hatte Carver zwar auch ein nicht gerade inniges Verhältnis. Doch seit Lynch im Koma liegt und die sporadischen Treffen mit ihm daher ganz ausbleiben, fehlt Carver der Anker auf der Seite der Gesetzeshüter, der ihn davor bewahrt, zu sehr in seiner zweiten Identität aufzugehen.

Dabei macht Carver sich als Spion in der Unterwelt richtig gut und ist keineswegs so lammfromm, wie der Titel dieses Bandes es vielleicht nahelegt: Er besitzt ein gewisses Maß an Furchtlosigkeit, was sicher auch durch seinen "Zustand" bedingt ist, hat beim Verüben von Gesetzesverstößen oft nur wenig Skrupel und begegnet seinem (Schein-)Boss Tao mit der richtigen Mischung aus Aufrichtigkeit und Lüge, wenn es um das Erklären gescheiterter (bzw. von Carver sabotierter) Missionen geht. So gelingt es ihm schnell, zum "Prodigal" aufzusteigen, einem von drei Männern, die Tao direkt unterstellt sind. Doch weder Carver noch der Leser können sich sicher sein, dass der undurchschaubare Tao nicht schon längst den Braten gerochen hat und nun nur noch mit dem Spitzel spielt, um ihn dann irgendwann, wenn er ihm bei seinen verbrecherischen und weltpolitischen Intrigen nicht länger von Nutzen ist, umso gründlicher auflaufen zu lassen.

Ed Brubaker gelingt es in dieser Geschichte, die altbekannte Geschichte vom V-Mann, der einerseits mit dem Strom schwimmen muss, andererseits aber auch gegensteuern soll, in eine Umgebung voller Wesen mit Superkräften zu verfrachten, ohne dass dabei die notwendige Atmosphäre von Paranoia und ständiger Bedrohung verloren geht. Dabei spielt der Autor ebenso gekonnt mit Klischees aus der Welt der Superwesen - die Ganoven haben mittlerweile eine Art Ritual daraus gemacht, sich untereinander zu erzählen, auf welche Weise sie an ihre Kräfte kamen - wie mit bekannten Motiven aus klassischen Noir-Krimis. So gibt es auch in "Sleeper" die berüchtigte "Braut des Bosses", eine Femme fatale, die hier ganz passend "Miss Misery" heißt. Überhaupt stellt Brubaker den Undercover-Alltag so überzeugend und intensiv dar, dass man phasenweise sogar als Leser vergisst, auf welcher Seite die eigentliche Loyalität Carvers liegt.

Die Zeichnungen des Briten Sean Phillips, der schon seit 1999 immer wieder mit Brubaker zusammenarbeitet, wirken sehr klassisch, beinahe angenehm altmodisch und stehen ein wenig in der Tradition seines Landsmanns David Lloyd ("V wie Vendetta"). Die realitätsnahen und düsteren Bilder erzeugen mühelos die nötige Atmosphäre und passen somit perfekt zur Geschichte. Das wird auch durch die von Phillips selbst angelegte Kolorierung unterstützt, die die Szenen vorwiegend in matte, kühle Farben taucht. Auch der Seitenaufbau, der meist durch ein großes Hintergrundmotiv bestimmt wird, über das sich eine Reihe kleinerer Panels windet, unterstützt das Storytelling auf subtile Weise.

"Das Schaf im Wolfspelz" erscheint im gewohnt luxuriös wirkenden Cross-Cult-Hardcover in A5-Größe. Dieser erste Band, dem noch drei weitere "Sleeper"-Ausgaben folgen werden, bevor die Geschichte abgeschlossen ist, enthält als Bonus einen ausgesprochen informativen Überblick über die bisherige Karriere und auch die Persönlichkeit von Ed Brubaker, der "Sleeper" und seine übrigen Werke erst im rechten Licht erscheinen lässt.

Fazit:

"Das Schaf im Wolfspelz" stellt einen mehr als vielversprechenden Auftakt für den Thriller um Holden Carver dar. Der Protagonist wird facettenreich präsentiert und ist körperlich zwar kaum verwundbar, dafür aber emotional durchaus angreifbar. Das sorgt dafür, dass diese clever konzipierte Kriminalgeschichte auch im Superheldenmilieu hervorragend funktioniert und nicht zur seelenlosen Nacherzählung altbekannter Hard-Boiled-Standards verkommt. "Sleeper" ist durchweg spannend und wird auch anspruchsvolle Freunde finsterer Undercover-Geschichten, deren Helden moralisch ins Wanken geraten, mehr als zufrieden stellen, sofern sie keine Berührungsängste mit dem dezenten Einsatz von Superkräften haben.

 
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