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Northlanders 1: Sven, der Verräter  Drucken E-Mail
Comics: Amerika Historisches
Geschrieben von Manuel Tants   
Mittwoch, 22. Juli 2009

Northlanders 1: Sven, der Verräter

Autor: Brian Wood
Zeichner: Davide Gianfelice

Originaltitel: Northlanders 1: Sven the Returned
Übersetzt von: Bernd Kronsbein

Reihe: Northlanders
1. Band der Reihe

Verlag: Vertigo
Format: Softcover
Erschienen: Juli 2009
ISBN: 978-3-86607-777-5
Preis: 19,95 EUR

192 Seiten
Inhalt
7.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
8.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.6

Wertung:
7.6
von 10
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Zum Inhalt:

Um das Jahr 980 n. Chr. kehrt der Wikinger Sven nach vielen Jahren, die er in Konstantinopel verbracht hat, in seine Heimat zurück. Er ist an Paläste gewöhnt, an exotische Frauen und gewaltige Schlachten, aber hier, auf den kargen Orkaden, will er sein Erbe an sich nehmen und danach die kalte, unkultivierte Inselwelt so schnell wie möglich wieder verlassen. Aber sein skrupelloser Onkel Gorm hat Svens Erstgeborenenrecht gestohlen. Gorm betrachtet seinen Neffen als Fremden und Verräter. Und so beginnt Sven einen Einmannkrieg gegen Gorms Leute und muss sich dabei mit genau der Welt auseinandersetzen, die er so gern für immer hinter sich gelassen hätte.

Meinung:

In seiner hochgelobten Serie "DMZ" beschreibt Brian Wood ein Manhattan, das als Folge eines Bürgerkriegs von seinen Bewohnern zu einem unabhängigen Staat ausgerufen wurde. Diese Situation ist natürlich fiktiv, aber die Parallelen zur realen US-Außenpolitik bezüglich diverser Ex-Kriegsschauplätze sind kaum zu übersehen. Offensichtlich stand dem Autor in der Zwischenzeit jedoch der Sinn nach einem Szenario, das sich deutlicher von der Gegenwart unterscheidet. Und so erschuf er die Reihe "Northlanders", die das Leben diverser nordeuropäischer Völker zur Zeit der ersten Jahrtausendwende beleuchten soll. Der erste, komplett in sich abgeschlossene Handlungsbogen beschäftigt sich mit "Sven, dem Verräter".

Sven hatte sein Heimatdorf auf den Orkaden (den heutigen Orkney-Inseln) als Teenager verlassen, da ihm die rauen Sitten seines Volkes nicht behagten. Es verschlug ihn nach Konstantinopel, wo er sich schnell an die Vorzüge des fortschrittlichen, pragmatischen Lebenswandels in dieser Kultur- und Handelsmetropole gewöhnte und es als Mitglied der kaiserlichen Warägergarde zu einigem Ansehen und Wohlstand brachte. Als er allerdings erfährt, dass sein Vater, das einstige Dorfoberhaupt, verstorben ist und sein Onkel Gorm dessen Posten an sich gerissen hat, fühlt er sich verpflichtet, an die schroffen Küsten der Inselgruppe nördlich von Schottland zurückzukehren und zumindest den finanziellen Anteil seines Erbes einzufordern. Doch natürlich wird der als Feigling geschmähte Heimkehrer nicht gerade mit offenen Armen empfangen, und so muss er sich das, was ihm rechtmäßig zusteht, mit Gewalt erkämpfen.

Sven ist keineswegs ein sympathischer Held, mit dem der Leser sich identifizieren will: Mit einer Mischung aus Geldgier, Egoismus und Arroganz beginnt er einen einsamen Guerilla-Krieg gegen seinen Onkel, der zahllose Todesopfer fordert. Und auch die wenigen Einheimischen, die zu Sven halten, werden von ihm rücksichtslos ausgenutzt. Sicherlich, Gorm ist ein Tyrann - aber es geht Sven nicht darum, die unterjochten Bürger des Dorfes zu befreien, denn er hat keinerlei Ambitionen, in seiner ehemaligen Heimat zu bleiben und ein besserer Regent zu werden. Er will lediglich das ihm zustehende Geld einkassieren und sich dann wieder in seine neue Heimat Konstantinopel absetzen - womit das ohnehin schon vom rauen Klima gebeutelte Dorf auf den Orkaden völlig ohne "Haushaltsmittel" dastünde und sich bei den sporadisch eintreffenden Händlern keinerlei Vorräte für den Winter kaufen könnte. Gerade durch diese negativen Charaktereigenschaften gibt Sven einen durchaus glaubhaften Protagonisten ab.

Neben der persönlichen Rachegeschichte ist der Zusammenprall der Kulturen das Hauptthema, das Brian Wood in dieser Geschichte aufwirft: Sven ist in Konstantinopel den verschiedensten Weltanschauungen und Religionen begegnet, hat in prunkvollen Palästen gelebt, ist gegen eine Vielzahl fremder Völker in den Krieg geschickt worden und hat sich dabei ihre besten Taktiken abgeschaut. Die Nordmänner hingegen sind auf ihren kargen Inseln so sehr mit der Nahrungsbeschaffung und dem täglichen Kampf gegen die Naturgewalten beschäftigt, dass sie darüber hinaus kaum mehr als ihren Glauben an das große Festgelage in Walhall haben, das auf jeden wartet, der mit einem Schwert in der Hand stirbt. Als Sven nach 20 Jahren im mediterranen Exil in den hohen Norden zurückkehrt, muss er somit auch sein eigenes Volk wieder ganz neu kennenlernen. Dass die Geschichte dabei im Umgang mit den Jahreszahlen nicht ganz korrekt ist (die Warägergarde entstand erst 988, Sven war aber angeblich schon lange vor 980 Teil dieser Streitmacht), kann man sicherlich verschmerzen - schließlich handelt es sich bei "Northlanders" nicht um ein Geschichtsbuch, sondern um Unterhaltung.

Wie schon bei "DMZ" nimmt Brian Wood auch für "Northlanders" mit Davide Gianfelice die Hilfe eines italienischen Zeichners in Anspruch. Zwischen Gianfelice und dem "DMZ"-Künstler Riccardo Burchielli besteht sogar noch eine weitere Parallele, denn beide waren zuvor beim italienischen Verlag Eura Editoriale tätig. Gianfelices ein wenig eckiger, aber gerade bei den Figuren und ihren Kostümen angenehm detailreicher Zeichenstil setzt die raue Welt der Wikinger stimmig in Szene. Dank ausdrucksstarker Mimik und actionreicher Kampfszenen überzeugen die Bilder sowohl in den ruhigeren Momenten als auch in den mitunter recht brutalen Schlachten. Hinzu kommt, dass die Darstellung völlig auf unangebrachte Hochglanz-Effekte verzichtet, sodass die Orkaden und ihre Bewohner angemessen trist und schmutzig wirken. Und auch die zunehmende optische Annäherung Svens an seine ehemaligen Landsleute ist dem Künstler gut gelungen.

Fazit:

Im direkten Vergleich bietet Brian Woods "Northlanders" etwas weniger Tiefe als seine Erfolgsserie "DMZ", die sich durch ihre aktuellen politischen Bezüge von der Masse abhebt. Aber das soll den Unterhaltungswert von "Sven, der Verräter" keineswegs schmälern, denn als in sich abgeschlossene Rachegeschichte, die auch einen kleinen Einblick in die kulturellen Umbrüche im Norden Europas vor gut 1000 Jahren gibt, funktioniert der Comic gut. Darüber hinaus ist der Protagonist mitnichten ein strahlender Held, was ihn als Figur umso glaubwürdiger macht. Die kantigen, aber lebhaften und detaillierten Zeichnungen von Davide Gianfelice vermitteln zudem einen sehr stimmungsvollen Einblick in das harte Leben der Wikinger und wissen auch durch ihre Stilsicherheit zu gefallen.
Weiterführende Infos

 
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