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Hard Boiled  Drucken E-Mail
Comics: Amerika Fantasy & Sci-Fi
Geschrieben von Manuel Tants   
Dienstag, 3. März 2009

Hard Boiled

Autor: Frank Miller
Zeichner: Geof Darrow

Originaltitel: Hard Boiled
Übersetzt von: Stefan Pannor

Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Erschienen: Dezember 2008
ISBN: 978-3-936480-90-0
Preis: 24,00 EUR

128 Seiten
Inhalt
6.0
Zeichnungen
9.0
Verarbeitung
9.0
Preis/Leistung
9.0
Gesamtwertung
7.8

Wertung:
7.8
von 10
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Zum Inhalt:

Ein ganz normaler Tag für Nixon: ein kleines Massaker in der Innenstadt, seinen antiquierten Straßenhai gegen die Wand gesetzt, eine Porno-Convention gemetzelt und einen Steuerflüchtling in die Luft gejagt. Nixon ist Steuerfahnder - zumindest glaubt er das. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass er manipuliert wird, um weiterhin so kompromisslos wie bisher seine Arbeit im von Konsumgier und Moralverfall geprägten L.A. der Zukunft zu verrichten.

Meinung:

"Hard Boiled", geschrieben von Frank Miller ("Sin City", "300") und gezeichnet von Geof Darrow, basiert vage auf der Geschichte "Die elektrische Ameise" von Philip K. Dick und passt sich thematisch nahtlos in das übrige Werk dieses Science-Fiction-Autors ein. Denn auch hier geht es um Realität und ihre Wahrnehmung durch ein Individuum, das sich nicht über seine eigentliche Natur im Klaren ist und sich stattdessen, wie die Hauptfigur es selbst ausdrückt, für einen "absoluten Durchschnittstypen" hält. Dieser bereits im Jahre 1990 entstandene dystopische Comic wurde vor Jahren vom mittlerweile untergegangenen Alpha-Verlag auch in Deutschland veröffentlicht, doch die damals zweibändige Ausgabe ist schon seit geraumer Zeit kaum noch aufzutreiben. Jetzt hat Cross Cult sich - sicher auch im Zuge des anhaltenden Frank-Miller-Booms - an eine Neuauflage in Form einer überarbeiteten Komplettedition gemacht.

Die Handlung von "Hard Boiled" findet in einem von Popkultur-Kitsch und Konsumlust überschwemmten Los Angeles statt, dessen Gestaltung auf äußerst gelungene Weise futuristische Elemente mit einem gewissen 50er-Jahre-Retrolook vermischt. Hier heißen Automodelle wie Hollywood-Schauspieler, die Logos von Frühstücksflocken-Herstellern prangen auf chirurgischen Instrumenten und Hamburgerketten benennen ihre Produkte nach Atombomben. Handgranaten und großkalibrige Schusswaffen kann man an jeder Ecke aus einem Automaten ziehen und beim Volltanken erhält man noch eine Packung Gratis-Munition dazu. Die Bewohner der überfüllten Städte schmücken sich mit absurden Accessoires und stellen ihre abnormen Fetische offen zur Schau, können dadurch aber nicht einmal den Hauch von Individualität gewinnen - die einzige Person, die wirklich heraussticht, ist Protagonist Nixon, der im schlichten Trenchcoat unterwegs ist, eben ein "Durchschnittstyp".

Das Setting ist also durchaus interessant geraten und funktioniert bereits für sich genommen ganz hervorragend als Gesellschaftssatire. Die Story selbst verblasst vor dieser Kulisse allerdings ein wenig, zumal sie kaum wirkliche Substanz bietet: Der Leser steigt kurz vor Ende eines Einsatzes von Steuerfahnder Nixon ein, den er in einem Blutbad enden lässt, da er sich bei der Überwältigung seiner Zielpersonen von keinerlei Bedenken im Hinblick auf Kollateralschäden behindern lässt. Kurz darauf beginnt sein nächster, sehr linear verlaufender Einsatz, der dann den Rest des Bandes füllt - und jedes weitere Wort zu den Ereignissen würde bereits zu viel von der Auflösung des Plots vorwegnehmen, der sich im Grunde in einem Satz vollständig zusammenfassen ließe und auch nur spärlich mit Dialogen gewürzt wurde.

Dass man für das Lesen der 128 Seiten trotzdem mehr als 20 Minuten zu veranschlagen hat, ist dem Zeichenstil von Geof Darrow zu verdanken: Beinahe wie ein penibler Buchhalter zeichnet Darrow jedes herumfliegende Trümmerteil, jede zertretene Coladose am Straßenrand, jeden Werbeaufkleber auf der Wäscheklammer an der Brustwarze eines vorbeischlendernden Punks, während er in ganz- oder sogar doppelseitigen Szenen absurd überdrehte Gewaltexzesse darstellt. Hinzu kommt, dass Darrow häufig in "Zeitlupe" erzählt: Ein verheerender Autounfall, der in der Realität nur Sekunden dauert, wird in jeder Einzelheit ausgekostet und erstreckt sich dadurch über viele Seiten. Den Lesegenuss stört das keineswegs, denn angesichts der überbordenden Detailfülle gibt es stets eine Menge zu entdecken. Die großflächigen Panels wirken so beinahe wie Motive aus einem Wimmelbuch - nur eben absolut nicht kindertauglich.

Einziger kleiner Kritikpunkt an der visuellen Seite von "Hard Boiled" ist die Kolorierung von Claude Legris, die in dieser Form heutzutage nicht mehr zeitgemäß wirkt: Die Farben sind etwas zu grell, harmonieren nicht immer ideal miteinander und wirken mitunter auch etwas unsauber. Für einen farbigen Hardcover-Band dieses Umfangs ist der Preis mehr als angemessen, zumal "Hard Boiled" natürlich in voller Albengröße erscheint - angesichts der Zeichnungen wäre das A5-Standardformat von Cross Cult hier keine Option gewesen. Der Verlag hat den Comic zudem komplett neu übersetzen lassen, wodurch die Dialoge meist authentischer wirken als in der deutschen Erstveröffentlichung.

Fazit:

Dass "Hard Boiled" auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick basiert, spürt man zwischendurch immer wieder in einigen kurzen Szenen. Diese stellen jedoch kaum mehr als eine Alibi-Rahmenhandlung dar - der Fokus dieses Comics liegt ganz eindeutig auf den akribisch dokumentierten Gewaltorgien, die in epischer Breite zelebriert werden. Und der Schauwert ist in der Tat enorm hoch: Das Design von Fahrzeugen und Umgebung ist absolut stilsicher und steckt dabei voller Gesellschaftskritik, während die Actionszenen so sehr vor Details strotzen, dass man sie kaum auf Anhieb erfassen kann. Damit steht bei diesem Comic nicht die Leistung des vielgepriesenen (aber gelegentlich auch überbewerteten) Star-Autors Frank Miller im Vordergrund, sondern ganz klar die Arbeit des Zeichners Geof Darrow.

 
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