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DMZ 3: Ganz unten  Drucken E-Mail
Comics: Amerika Allge­meines
Geschrieben von Manuel Tants   
Montag, 28. Juli 2008

DMZ: Ganz unten

Autor: Brian Wood
Originaltitel: Public Works
Übersetzt von: Bernd Kronsbein

Reihe: DMZ
3. Band der Reihe

Verlag: Vertigo
Format: Softcover
Erschienen: Juli 2008
ISBN: 978-3-8660-7598-6
Preis: 14,95 EUR

128 Seiten
Inhalt
8.0
Zeichnungen
8.0
Verarbeitung
8.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
7.9

Wertung:
7.9
von 10
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Zum Inhalt:

In einer alternativen Gegenwart haben die USA gerade den zweiten Bürgerkrieg hinter sich: Im Mittleren Westen hatte sich Widerstand gegen die von den Ostküsten-Metropolen bestimmte Politik geregt, und die Armee der "Freien Staaten" (FSA) kämpfte sich mit Waffengewalt quer durch das Land, um ihrem Unmut Nachdruck zu verleihen. Die hastig aus ihren weltweiten Einsatzgebieten zurückbeorderte US-Armee konnte den Vormarsch der Rebellen erst mitten in Manhattan stoppen, und so wurde die New Yorker Insel zur demilitarisierten Zone, zur "DMZ".

Fünf Jahre nach Beginn des instabilen Waffenstillstands will erstmals ein Team des US-Senders Liberty News unter Führung des Star-Journalisten Viktor Ferguson das Niemandsland betreten. Doch bei der Landung wird der Hubschrauber der Reporter angegriffen. Nur Matty Roth, ein eher desinteressierter Kamera-Praktikant, der seinen Job lediglich durch Beziehungen seines Vaters bekam, überlebt den Anschlag und muss sich nun zwischen den undurchsichtigen Fronten dieses ehemaligen Stücks Amerika zurechtfinden. Doch nach und nach entwickelt er Respekt für die Bewohner der DMZ, die sich trotz täglicher Lebensgefahr bemühen, inmitten der Ruinen ein halbwegs normales Leben zu führen, und er entschließt sich, dem Rest der USA vom Leben in Manhattan zu berichten.

In "Ganz unten", dem dritten Sammelband der Reihe, ist Matty Roth undercover unterwegs und gibt sich als Hilfsarbeiter aus, um den Trustwell-Konzern auszuspionieren, den Gewinner eines lukrativen Auftrags für den Wiederaufbau Manhattans. Natürlich vermutet er, dass weit mehr hinter der Angelegenheit steckt, aber ist er wirklich auf das vorbereitet, was er entdecken könnte? Und wie weit würde er gehen?

Meinung:

In "DMZ" stellt Autor Brian Wood Manhattan in eine Reihe mit Bagdad und Kabul: Besatzungstruppen zur "Friedenssicherung" patrouillieren in den Straßen, überall lauern Heckenschützen, Terroranschläge sind an der Tagesordnung. Und inmitten dieser Welt von Minenfeldern, Kontrollposten und Querschlägern versucht die Zivilbevölkerung, die in der Stadt gefangen ist, nicht als Kollateralschaden zu enden. Der einzige, aber signifikante Unterschied: Die DMZ liegt nicht irgendwo auf der anderen Seite des Globus, sondern mitten im Herzen der westlichen Welt.

Doch die Parallelen zur Realität machen nicht beim allgemeinen Szenario halt: Wer in den letzten Monaten und Jahren die Auslandsnachrichten verfolgt hat, dürfte beispielsweise keine Mühe haben, den im Band "Ganz unten" in den Mittelpunkt gerückten Trustwell-Konzern mit Firmen wie dem realen "militärischen Dienstleister" Blackwater Worldwide in Verbindung zu bringen. Auch die Privatarmee von Trustwell geht mit rücksichtsloser Härte gegen die Bevölkerung vor, wenn es darum geht, die selbst verliehenen Polizeirechte zu wahren. Bei der Gelegenheit werden dann auch gleich unliebsame Kritiker an der Verpflichtung von Zwangsarbeitern ruhig gestellt. Im quasi gesetzlosen Raum der DMZ gibt es ohnehin nur eine einzige Kontrollinstanz für Firmen wie Trustwell, nämlich ein kleines Kontingent an UNO-Truppen. Wenn die sich allerdings von der Firmenpropaganda täuschen lassen (wollen) ...

Matty Roth, nach ersten Erfolgen als einziger Vor-Ort-Berichterstatter aus der DMZ vom journalistischen Ehrgeiz gepackt, wittert hier eine lohnenswerte Enthüllungsgeschichte und lässt sich inkognito von Trustwell als Arbeiter anheuern. Doch schon bald muss er feststellen, dass es hinter der Fassade der Firma noch viel dunklere Geheimnisse gibt, die über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen für die in Massenunterkünften zusammengepferchten Tagelöhner weit hinausgehen. Und auf schmerzhafte Weise erkennt Matty, dass er sich mit einem Gegner vom Kaliber Trustwells womöglich übernommen hat. Denn andere praktizieren sowohl das Überleben in den Straßen der Stadt als auch das Fädenziehen im Hintergrund schon deutlich länger als er. Die Geschichte ist spannend konstruiert und bietet in jedem der fünf Kapitel eine neue Wendung, und so wird Matty (und mit ihm auch der Leser) davon überrascht, wie tief er letzten Endes tatsächlich in der Klemme steckt. Dabei bleibt die Handlung aber trotzdem nachvollziehbar und die Charaktere durchweg glaubwürdig -­ vielleicht mit Ausnahme einer einzigen Figur, deren Beweggründe ein wenig zu vordergründig abgehandelt werden.

Neben dem höchst interessanten und politisch aktuellen Setting ist es in der Tat nicht zuletzt auch ihr Protagonist, der diese Serie reizvoll macht: Der Leser ist direkt bei Matty Roths Ermittlungsarbeiten dabei und erlebt so auch seine Gedanken, Ängste, Zweifel und Misserfolge mit, wenn er sich in unbekanntes Terrain vorwagt und versucht, das Geflecht von Splittergruppen und geheimen Machtblöcken zu durchschauen, das sich mittlerweile in der DMZ gebildet hat. Zwischen diesen Fronten versucht er, seine kleine Nische der Unabhängigkeit zu bewahren und sich von niemandem vereinnahmen zu lassen, denn schließlich könnte jede Partei ihren eigenen "Hofberichterstatter" gut gebrauchen, wenn es darum geht, ein etwaiges Machtvakuum in der Zone auszufüllen. Unabhängigkeit bedeutet in einer Welt wie dieser aber auch Schutzlosigkeit, und so ist für Matty stets die Versuchung vorhanden, sich vielleicht doch in die Obhut einer der Gruppen zu begeben - und sei es nur zum Schein. Mattys antrainiertes Misstrauen äußert sich nicht selten auch in Egoismus und Selbstgerechtigkeit, worunter vor allem die wenigen Personen zu leiden haben, die ihm wirklich vorbehaltlos helfen wollen. Es sind gerade diese Schwächen Mattys, die ihn vielleicht nicht unbedingt sympathischer, dafür aber umso interessanter wirken lassen und verhindern, dass er vom Leser als über den Dingen stehender Verfechter der Wahrheit empfunden wird, der lediglich sein Superhelden-Cape durch einen Presseausweis ersetzt hat.

Die grundlegende Atmosphäre von Gefahr, Elend und Paranoia, die in der DMZ herrscht, wird durch die detailreichen Zeichnungen von Riccardo Burchielli noch verstärkt. Der in Italien geborenene Zeichner wird nicht umsonst gleichberechtigt neben Brian Wood als Schöpfer der Serie angegeben, denn seine Szenerien tragen viel zur Glaubwürdigkeit der Geschichte bei. Sie vermitteln eine Stimmung, die irgendwo zwischen der urbanen Endzeit-Stimmung von Filmen wie "Die Klapperschlange" und aktuellen Nachrichtenbildern liegt und dadurch auf unheilvolle Weise sehr vertraut wirkt. Und trotz einer leichten Cartoonhaftigkeit mancher Gesichtszüge ist es vor allem die ausdrucksstarke, nuancenreiche Darstellung der Individuen, die die Straßen Manhattans bevölkern, mit denen Burchielli die notwendige Emotionalität in die Welt der DMZ einbringt. Dadurch wird dieser Comic zu weit mehr als einem sachlichen Bericht von der fiktiven Front.

Panini hat den fünf Einzelhefte umfassenden Handlungsbogen zu einem Sammelband zusammengefasst und folgt damit der Aufteilung des US-Verlags Vertigo. Die Übersetzung wechselt je nach Bedarf sicher zwischen Straßenslang und der geschliffenen Sprache von Politikern und Medienmenschen. Hochwertiges Papier und ein achtseitiger Anhang mit Skizzen von Riccardo Burchielli und alternativen Coverentwürfen von Brian Wood runden die Ausgabe ab. Für die recht überschaubare Seitenzahl ist der Preis allerdings ein wenig zu hoch.

Fazit:

"DMZ" ist nah genug an der Realität, um den Leser überraschend schnell vergessen zu lassen, dass Manhattan in Wahrheit gar kein Kriegsgebiet ist. Dazu tragen zum einen die lebensnahen Dialoge und die glaubwürdigen Charaktere bei, allen voran der Protagonist mit seinen Ecken und Kanten, der oft genug zum Spielball höherer Mächte wird, ohne es zu ahnen. Zum anderen sind es die gelungenen Zeichnungen, die nicht nur stimmungsvoll den spektakulären Schauplatz in all seinen Facetten illustrieren, sondern vor allem auch mühelos die Emotionen der handelnden Figuren vermitteln. Zudem versteht Autor Brian Wood es, politisch aktuelle Themen der US-Außenpolitik kritisch aufzugreifen und in eine spannende Handlung umzusetzen, bei der auch individuelle Schicksale nicht zu kurz kommen. Der Band "Ganz unten" steht den bisher erschienenen Geschichten aus der demilitarisierten Zone in nichts nach und unterstreicht einmal mehr, dass "DMZ" gegenwärtig zu den modernsten und lesenswertesten Comicserien auf dem US-Markt gehört.

 
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