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Als das Leben überraschend zu Besuch kam  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 28. Mai 2012

Als das Leben überraschend zu Besuch kam

Originaltitel: Notre Dame de l'Ile
Übersetzt von: Karin Meddekis

Erschienen: April 2012
ISBN: 978-3-431-03682-4
Preis: 10,00 EUR

288 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Eines Morgens wacht die dreiundsiebzigjährige Jacqueline auf und weiß: So kann es nicht weitergehen! Sie packt ihre Koffer und steht Stunden später vor dem Häuschen mit den blauen Fensterläden, in dem ihre Kusine Nane auf einer kleinen bretonischen Insel lebt. In Nanes gemütlicher Küche gesteht Jacqueline ihrer Kusine, warum sie ihren Ehemann Marcel ohne ein Wort verlassen hat, und vertraut Nane schließlich den Traum an, der ihre Sehnsucht seit Jugendtagen immer wieder beflügelt hat und den sie nun endlich leben will ...

Meinung:

Caroline Vermalle hat für ihren zweiten Roman "Als das Leben überraschend zu Besuch kam" eine poetischere Erzählweise gewählt als für ihr Debüt "Denn das Glück ist eine Reise". So bekommt der Leser die Geschichte von Jacqueline, ihrem Mann Marcel und ihrer Kusine Nane vor allem aus der Sicht eines Schmetterlings erzählt. Dieses gerade mal zwei Tage alte Männchen der Gattung Großes Ochsenauge beobachtet Jacquelines Ankunft bei ihrer Kusine Nane und wird durch das - in diesem Moment herrschende - Gefühl des Besonderen auf die Geschehnisse aufmerksam.

Der Schmetterling sammelt in den folgenden Tagen durch andere Insekten und die verschiedenen Winde Informationen und Szenen, aus denen sich die gesamte Geschichte zusammensetzt. Nur in den Momenten, in denen es wichtig ist, die unausgesprochenen Gedanken ihrer Protagonisten zu verdeutlichen, wechselt die Autorin in die entsprechende Perspektive, ohne dabei zu viel über die wirklichen Motive des jeweiligen Charakters zu verraten. Auf diese Weise bleibt der Leser lange darüber im Dunklen, warum die dreiundsiebzigjährige Jacqueline ihren Mann von einem Moment auf den anderen verlassen hat.

Dabei steht schon früh fest, dass die ältere Dame in ihrer Ehe nicht wirklich glücklich war und das eine oder andere Geheimnis vor ihrem Mann hatte. Auch lässt sich bald erahnen, dass Jacqueline sich immer noch an die - teils viel zu strengen, teils regelrecht unsinnigen - Regeln ihrer längst verstorbenen Mutter hält und sich davon das Leben vergällen lässt. Diese war auch der Grund, warum Jacqueline ihre Kusine Nane seit über fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hat, obwohl die beiden in ihrer Jugend eng verbunden waren.

Bei ihrer Ankunft auf der Ile d'Yeu muss Jacqueline, die in all den Jahrzehnten ihre wunderhübsche, lebenslustige und selbstbewusste Nane vermisst hatte, feststellen, dass das Leben auch vor der Bildhauerin nicht halt gemacht und bei ihr seine Spuren hinterlassen hat. Nur langsam näheren sich die Kusinen einander wieder an, bis Jacqueline in der Lage ist, über ihre Gedanken und ihre Vergangenheit zu sprechen. Ihre Suche nach einer neuen und selbstbestimmten Zukunft beeinflusst auch andere Personen in ihrer Umgebung und lässt diese über die Prioritäten, die sie im Leben setzen, nachdenken.

Marcel hingegen steht von einem Tag auf den anderen vor den Trümmern seiner Ehe, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, warum Jacqueline ihn ohne ein Wort verlassen hat. Erst als er versucht, mehr über den Aufenthaltsort seiner Frau herauszufinden, merkt Marcel, wie fremd sie sich in all den Jahren waren. Doch für ihn sind über fünfzig Jahre Ehe nichts, was man einfach so hinter sich lassen könnte. So schmiedet der ältere Herr einen Plan, der gleich zwei seiner innigsten Wünsche erfüllen soll: Er will die Loire von der Quelle bis zur Mündung hinunterschwimmen und so den Atlantik erreichen, um dort auf der Ile d'Yeu erneut den Respekt und das Herz seiner Frau zu gewinnen.

Mit "Als das Leben überraschend zu Besuch kam" vermittelt Caroline Vermalle dem Leser deutlich, wie wichtig es ist, sich seine Träume und Wünsche zu erfüllen, unabhängig davon, wie alt man ist oder welche Hindernisse einem das Leben in den Weg legt. In vielen kleinen, poetischen Szenen verfolgt man Jacquelines Suche nach sich selbst und der Richtung, die sie von nun an einschlagen will. Nur langsam enthüllt die zurückhaltende und spröde wirkende Frau ihre Geheimnisse, was - auch aufgrund der Erzählperspektive - dazu führt, dass es einem anfangs nicht leicht fällt, eine Beziehung zu ihr und den anderen Charakteren in diesem Buch aufzubauen.

So hübsch viele Momente im Leben des Schmetterlings und seine Freundschaft zu dem Wind Apeliotis auch geschildert werden, so nehmen sie der Geschichte bei all ihrer Poesie doch die anrührende Einfachheit, die "Denn das Glück ist eine Reise" ausgezeichnet hatte. Und auch der Epilog, in dem Jacqueline einer Freundin erzählt, was an ihrer Geschichte real war und was so hätte sein sollen, aber nicht passiert ist, entzaubernd diesen Roman leider ein wenig. Auch wenn es schön zu lesen ist, dass die alte Dame am Ende ihren Weg in eine glückliche Zukunft gefunden hat, so hätte die Handlung mitsamt ihrer kleinen Unglaubwürdigkeiten, verrückten Einfälle und bewegenden Momente ohne diesen Schuss Realität zu einer in sich stimmigeren Geschichte geführt.

Fazit:

Auch der zweite Roman von Caroline Vermalle, "Als das Leben überraschend zu Besuch kam", beschäftigt sich mit älteren Menschen, die sich einen Lebenstraum erfüllen wollen. Den Leser erwartet hier eine poetische Erzählung aus der Sicht eines Schmetterlings, der die dreiundsiebzigjährige Jacqueline dabei begleitet, wie sie von einem Moment auf den anderen ihren Mann Marcel verlässt, wieder Kontakt zu ihrer Kusine Nane knüpft und versucht, zu sich selbst zu finden. So anrührend die Annäherung der beiden alten Damen ist und so verrückt und bezaubernd Marcels Anstrengungen sind, seinen eigenen Lebenstraum zu verwirklichen, so fehlt dieser Geschichte leider die berührende Klarheit, die das Debüt der Autorin, "Denn das Glück ist eine Reise", so prägte. "Als das Leben überraschend zu Besuch kam" ist eine hinreißende kleine Geschichte darüber, dass es nie zu spät ist, die eigenen Ziele und Wünsche in Angriff zu nehmen, aber letztendlich kann sie den Leser nicht so mitreißen, wie es der ersten Roman von Caroline Vermalle vermochte.
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