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Herr aller Dinge  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Science-Fiction
Geschrieben von Jana Witte   
Mittwoch, 4. April 2012

Herr aller Dinge

Verlag: Gustav Lübbe
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3-7857-2429-3
Preis: 22,00 EUR

687 Seiten
Inhalt
7.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
7.1

Wertung:
7.1
von 10
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Zum Inhalt:

Als Kinder begegnen sie sich zum ersten Mal: Charlotte, die Tochter des französischen Botschafters, und Hiroshi, der Sohn einer Hausangestellten. Von Anfang an steht der soziale Unterschied spürbar zwischen ihnen. Doch Hiroshi hat eine Idee. Eine Idee, wie er den Unterschied zwischen Arm und Reich aus der Welt schaffen könnte. Um Charlottes Liebe zu gewinnen, tritt er an, seine Idee in die Tat umzusetzen - und die Welt damit in einem nie gekannten Ausmaß zu verändern. Was mit einer bahnbrechenden Erfindung beginnt, führt ihn allerdings bald auf die Spur eines uralten Geheimnisses - und des schrecklichsten aller Verbrechen ...

Meinung:

Andreas Eschbach ist ein bekannter Science-Fiction-Autor, der bereits für verschiedene Romane Preise erhalten hat. Mit Büchern wie "Eine Billion Dollar", "Das Jesus-Video" oder "Die Haarteppichknüpfer" ist er regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden. In seinem Roman "Herr aller Dinge" lässt Eschbach seinen Protagonisten Hiroshi Kato überlegen, wie der Unterschied zwischen Reich und Arm beseitigt werden könnte, und widmet sich zugleich der Frage, welche Folgen dieser Lösungsansatz hat.

Als Kind lernt Hiroshi in Tokio, wo seine Mutter arbeitet, die Tochter des französischen Botschafters kennen. Trotz ihrer Vorbehalte und derjenigen von Charlottes Eltern, freunden sich die beiden wissbegierigen und begabten Kinder über die sozialen Unterschiede hinweg an. Während Charlotte durch Berührungen von Gegenständen deren Geschichte erfühlen kann, ist Hiroshi in technischer Hinsicht äußerst begabt und fasziniert von Robotern. Da ihm bereits als Kind der finanziell bedingte Unterschied zwischen ihm und Charlotte bewusst wird, denkt er schon früh über dessen Beseitigung nach. Und Hiroshi hat auch eine Idee. Aber bevor er seiner Freundin davon berichten kann, wird ihr Vater versetzt.

Zufällig begegnen sich Hiroshi und Charlotte nach Jahren wieder, doch der soziale Unterschied zwischen ihnen hat sich nicht verringert. Hiroshi nimmt dies zum Anlass, seine kindliche Idee aufzugreifen, und versucht sie umzusetzen und zu verwirklichen. Charlottes Weg führt derweil in eine andere Richtung und verläuft weniger geradlinig. Als sie jedoch eine Expedition auf einer russischen Insel begleitet und dort Zeugin einer Reihe sehr ungewöhnlicher Ereignisse wird, kreuzen sich Hiroshis und Charlottes Wege wieder, denn Hiroshis Idee und die Ereignisse auf der Insel scheinen irgendwie zusammenzuhängen.

Andreas Eschbach lässt sich Zeit, um seine beiden Hauptfiguren vorzustellen, ihren Hintergrund zu beleuchten und zu vermitteln, warum Hiroshi über den Unterschied zwischen Arm und Reich nachdenkt. Diese früh einsetzende und über den Roman fortgehende Charakterisierung gelingt dem Autor auch sehr gut. So schildert er sehr anschaulich, wie die beiden Kinder leben und welche Gedanken Hiroshi durch den Kopf gehen. Angenehm fällt dabei auf, dass er auch das Kindliche nicht untergehen lässt. So gruselt sich der technisch begabte Hiroshi vor seiner kranken Tante und überlegt anlässlich des japanischen Totenfestes, wie voll es eigentlich in der Unterwelt sein muss.

Welche bahnbrechende Idee der kindliche Hiroshi hat, wird jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht offenbart, was das Interesse des Lesers wachhält. Im weiteren Verlauf des Romans wird man dann allerdings ein wenig ungeduldig: In "Herr aller Dinge" widmet sich Andreas Eschbach abwechselnd Hiroshi und Charlotte, sodass der Leser ständig zwischen diesen beiden Lebensgeschichten pendelt. Und natürlich gibt es immer wieder Menschen, die Hiroshis und Charlottes Lebensweg mehr oder weniger stark berühren und beeinflussen und vom Autor aufmerksam gestaltet werden. In Bezug auf den Plot - die revolutionäre Idee, deren Realisierung und Folgen, also den "Herrn aller Dinge" - wäre etwas weniger Nebenhandlung jedoch mehr gewesen.

Charlottes Verlobter zum Beispiel ist für sie und ihr Verhältnis zu Hiroshi ohne Frage plotrelevant und wichtig. Nach seiner Einführung - seine Figurenzeichnung ist gelungen, überrascht jedoch nicht - lässt ihn der Autor später wieder auftauchen und ruft dem Leser dabei den Charakter dieser Figur nochmals in Erinnerung. Hier und bei ein paar anderen Nebencharakteren fragt man sich als Leser, ob diese zusätzlichen Episoden wirklich notwendig sind. So wird man das Gefühl nicht los, dass die Straffung dieser Handlungsbögen und/oder die Konzentration auf ein paar ausgewählte Nebenfiguren die Spannung der Geschichte im Verlauf des Romans noch mehr gesteigert hätte.

Denn das von Andreas Eschbach entwickelte Konzept, den Unterschied zwischen Arm und Reich zu beseitigen, ist faszinierend und durchdacht. Hier zeigt sich neben der Charaktergestaltung eine weitere Stärke des Autors: Auch wenn Andreas Eschbach mit der Realisierung von Hiroshis Idee kein Neuland betritt, schildert er die Idee, deren Umsetzung und Konsequenzen sehr realistisch. Mit dem Einbezug moralischer, ethischer, philosophischer und wirtschaftlicher Fragen - wie Kinderarbeit, Müllentsorgung, Machtmissbrauch - und eingedenk der heutigen wissenschaftlichen Möglichkeiten führt dies dazu, dass man sich als Leser unwillkürlich fragt, ob Hiroshis Ansatz heute bereits möglich ist oder bald sein wird.

Fazit:

In "Herr aller Dinge" entwirft Andreas Eschbach ein durchdachtes Szenario, in dem es um die Beeinflussung des vorherrschenden wirtschaftlichen und finanziellen Systems geht. Für die Einführung und Ausarbeitung seiner Hauptcharaktere lässt sich der Autor genug Zeit, wodurch sie lebendig und überzeugend reagieren. Wenngleich man als Leser das Gefühl hat, dass die Geschichte durch einige Nebenhandlungen zwischendurch etwas an Fahrt verliert, fasziniert und fesselt "Herr aller Dinge" bis zum Schluss, gerade auch wegen der im Roman enthaltendenen geistes- und naturwissenschaftlichen Denkansätze.
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