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Der Anschlag  Drucken E-Mail
Hörbücher: Unterhaltung Horror
Geschrieben von Jana Witte   
Dienstag, 6. März 2012

Der Anschlag

Gelesen von: David Nathan
Originaltitel: 11/22/63
Art der Lesung: ungekürzt
Medienanzahl: 4 MP3-CDs

Erschienen: Januar 2012
ISBN: 978-3837111071
Preis: 29,99 EUR
Inhalt
8.0
Sprecher
10.0
Bearbeitung
10.0
Preis/Leistung
10.0
Gesamtwertung
9.1

Wertung:
9.1
von 10
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Zum Inhalt:

Am 22. November 1963 fielen in Dallas, Texas, drei Schüsse. John F. Kennedy starb, und die Welt veränderte sich für immer. Wenn man das Geschehene ungeschehen machen könnte - wären die Folgen es wert? Jake Epping kann in die Vergangenheit zurückkehren und will den Anschlag verhindern. Aber je näher er seinem Ziel kommt, umso vehementer wehrt sich die Vergangenheit gegen jede Änderung.

Meinung:

Mit "Der Anschlag" hat der weit über die Grenzen von Maine bekannte Autor Stephen King einen neuen Roman herausgebracht. In Deutschland wurde dieser Titel von Random House zeitgleich in verschiedenen Formaten (unter anderem als MP3-Hörbuch) veröffentlicht. Der umfangreiche Roman wurde vollständig von David Nathan eingelesen - und die insgesamt rund 30 Stunden vergehen wie im Flug.

Jake Epping ist ein ganz normaler Mann. Er ist 30 Jahre alt, Lehrer für englische Literatur und wurde gerade von seiner Frau verlassen. Eine Art Freundschaft verbindet ihn mit Al Templeton, dem Inhaber von Jakes bevorzugten Diner. Völlig überrascht stellt Jake eines Tages fest, dass Al scheinbar über Nacht tödlich an Lungenkrebs erkrankt ist, was natürlich unmöglich ist. Und dann erzählt Al ihm auch noch, es gäbe in seinem Diner ein Portal in die Vergangenheit. Jake hält ihn für verrückt, bis er selbst durch diesen Kanichenbau das "Land von Einst" betritt und wieder zurückkehrt. Während er Stunden in der Vergangenheit verbrachte, vergingen im Jahr 2011 nur 2 Minuten. Doch das ist nur eine der Gesetzmäßigkeiten, die Fluch und Segen zugleich sind: Denn jedes Mal, wenn man das Portal durchschreitet, landet man in dem Ort Lisbon Falls am 9. September 1958 um 11.58 Uhr und alles beginnt von vorn. Alle Menschen tun das, was sie auch beim letzten Besuch taten und auch die Autos stehen wieder genau dort, wo sie vorher waren. Alles ist beim nächsten Besuch wieder auf Null zurückgesetzt.


Al ist natürlich nicht über Nacht an Lungenkrebs erkrankt. Er hat in der Vergangenheit Jahre der Recherche verbracht, um das Attentat auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas zu verhindern. Aber er selbst kann seine Mission nicht beenden, zu sehr hat der Krebs ihn schon zerfressen. Außerdem ist Al überzeugt, dass sich die Vergangenheit selbst dagegen wehrt, geändert zu werden. Kraftlos und mit seinem eigenen nahen Tod vor Augen bittet er Jake darum, das Attentat auf Kennedy zu verhindern und so die Zukunft Amerikas positiv zu verändern. Denn was hätte Kennedy alles bewirken können! Jake lässt sich auf diese Mission ein und betritt als George Amberson das Jahr 1958.

In "Der Anschlag" lässt Stephen King seinen Protagonisten Jake in der Vergangenheitsform von seinen Erlebnissen im Jahr 2011 und im "Land von Einst" berichten. Bereits diese Perspektive schafft Nähe, Interesse und Anteilnahme, die durch die Hörbuchumsetzung und David Nathans Interpretation noch intensiviert wird. Denn an Jake ist eigentlich nichts Besonderes zu erkennen. Er ist ein Mensch wie jeder andere, der sein Leben zu meistern versucht. Und es sind, wie regelmäßig bei Stephen King, keine plakativen Schockmomente, die die Geschichte vorantreiben. Es ist das sich steigernde Gefühl und die wachsende Gewissheit, dass etwas passieren wird, die der Autor meisterlich in den Lesern oder Hörern seiner Werke zu wecken weiß. Diese Stimmung, diese Ruhe vor einem Sturm, wird von David Nathan ebenso meisterlich transportiert. Nicht ohne Grund ist er einer der gefragtesten Synchronsprecher und Interpreten Deutschlands. Fasziniert und mit wachsender Neugierde lauscht man seiner Lesung, die mit jeder weiteren Silbe Jake Epping zum Leben erweckt.


David Nathan liest mit emotionalen Gespür, was sich zum Beispiel bei Jakes Probelauf zeigt. Er will zunächst mit einem kleineren Eingriff in Geschichte herausfinden, wie sich die Gegenwart mit der Vergangenheit ändert. Schließlich stellt die Verhinderung von Kennedys Tod im Jahr 1963 eine massive Änderung dar. Jake will in die Kleinstadt Derry fahren, denn dort wird - wenn er es nicht verhindert - zu Halloween 1958 ein Verbrechen geschehen. Einer von Jakes erwachsenen Studen musste damals mitansehen, wie sein alkoholkranker Vater seine Geschwister und seine Mutter mit einem Hammer umbrachte. Jake erzählt detailliert von diesem ersten Besuch in Derry und wie sich die Vergangenheit selbst offenbar gegen seine Änderungsversuche wehrt. Man hört die Aufregung, die Neugierde, das Staunen, aber auch die Anspannung und die Angst. Wenn Jake später auf seinem Weg nach Dallas in Derry Halt macht, wirkt sein Bericht nicht nur textlich wie ein Ereignisprotokoll. Jake hat sich verändert - und auch das ist hörbar.


Auf seinem weiteren Weg entlang der Zeitachse Richtung 1963 muss Jake Jahre überbrücken und finanzieren. Während er stichprobenartig immer wieder Lee Harvey Oswalds Lebensweg beobachtet, nimmt er eine Arbeit als Aushilfslehrer an und verliebt sich in die Bibliothekarin Sadie. Durch David Nathans stimmungsvolle Lesart folgt man mit wachsender Spannung Jakes Leben, das von seiner Überwachungsarbeit, den Heimlichkeiten, seiner Hingabe als Lehrer und seiner Liebe und Sorge um Sadie bestimmt wird. Hinzu kommt die Gefahr, dass seine falsche Identität aufgedeckt wird oder er zu früh in die Geschichte eingreift. Er fragt sich, ob Oswald allein handelte und ob und wie sich die Vergangenheit gegen die Veränderung wehrt. Sind manche Ereignisse Zufälle, Warnungen oder direkte Reaktionen auf sein Leben im Land von Einst? Drängende Sorge, Zärtlichkeit, Wut oder nachdenkliche Erkenntnis sind in David Nathans Stimme hörbar.


So wird nicht nur Jake Epping lebendig, sondern auch Al und Sadie, um nur zwei weitere Charaktere zu nennen, fühlen sich echt an. Dabei wird der differenzierten Interpretation David Nathans, der Sadie weicher liest und Al Kurzatmigkeit verleiht, eine gute Vorlage geliefert. Denn Stephen Kings Figurenzeichnung ist auch hier glaubhaft, obwohl Jake die Dialoge und Erlebnisse subjektiv gefärbt wiedergibt und durch die Erzählperspektive die Biographie mancher Nebenfiguren Lücken hat.


Erneut benutzt Stephen King fantastische Elemente als Katalysator, um seine Charaktere und ihre Welt zu erforschen. Es ist der politisch nicht großartig engagierte und auch geschichtlich eher unbedarfte Englischlehrer, der die Geschichte der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt verändern könnte. Al Templetons Vorarbeit gibt Jake zwar das notwendige Wissen, trotzdem stellt sich die Frage, ob letzterer zu den notwendigen Entscheidungen und Aktionen fähig ist. In "Der Anschlag" geht es nicht nur um den 22.11.1963 und die Frage, was wäre wenn. Der Weg selbst gehört wie häufig bei Stephen King zum Ziel: Jakes Erlebnisse, unter anderem in Derry, zeigen nicht nur alltäglichen Horror wie die Auswirkungen von Gleichgültigkeit oder die explosive Mischung von Charakterschwächen und Alkoholkonsum. Diese Ereignisse, die Jake persönlich berühren, prägen und verändern ihn, beeinflussen seine Entscheidungen und damit die Zukunft.


Konsequenterweise hat Stephen King diesen persönlichen Entwicklungen viel Raum eingeräumt und es ist erfreulich, dass sich der Verlag zu einer ungekürzten Lesung entschlossen hat. Erst so kann sich Jakes Weg durch die Geschichte für den Hörer entfalten. Dass dies nicht langweilig wird, liegt nicht nur an Stephen Kings gut geschriebenen Szenen in der Übersetzung von Wulf Bergner, sondern auch an der gelungenen Hörbuchumsetzung und stimmungsvollen Lesung durch David Nathan. Daher ist auch der im Vergleich zur Hardcoverversion des Romans etwas höhere Preis für das Hörbüch vollkommen angemessen.

Fazit:

Auch wenn der Titel "Der Anschlag" von Stephen King etwas anderes suggeriert, geht es in dem Roman nicht nur um den 22.11.1963. Zwar arbeitet der Protagonist Jake Epping darauf hin, dass John F. Kennedy an diesem Tag nicht erschossen wird, aber der von ihm zeitlich und örtlich zu bewältigende Weg ist ebenso wichtig. Dadurch wird "Der Anschlag" von Stephen King im mehrfachen Sinne zur gelebten Geschichte: Jake hat die Ereignisse bereits erlebt und durchlebt sie dann in seinem Bericht erneut. Der emotional differenzierte Vortrag David Nathans (der seinen Status als einer der gefragtesten Hörbuchinterpreten Deutschlands untermauert) trägt außerdem dazu bei, dass die Charaktere lebendig werden und so auch der Hörer in die 60er Jahre der USA reist.
Weiterführende Infos

 
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