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75 Years of DC Comics: The Art of Modern Mythmaking  Redaktionstipp Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Film, Musik & Medien
Geschrieben von Manuel Tants   
Dienstag, 10. Januar 2012

75 Years of DC Comics: The Art of Modern Mythmaking

Originaltitel: 75 Years of DC Comics: The Art of Modern Mythmaking
Übersetzt von: Thomas J. Kinne

Verlag: TASCHEN
Erschienen: Oktober 2010
ISBN: 978-3-8365-2620-3
Preis: 150,00 EUR

719 Seiten
Inhalt
9.0
Preis/Leistung
8.0
Gesamtwertung
8.9

Wertung:
8.9
von 10
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Zum Inhalt:

Im Jahr 1935 veröffentlichte Major Malcolm Wheeler-Nicholson New Fun Nr. 1, das erste Comicheft mit völlig neuem Originalmaterial - dies in einer Zeit, als Comichefte nicht mehr waren als ein Sammelbecken ausrangierter Zeitungsstrips. Was anfangs als Wegwerfmedium für Kinder gegolten hatte, war nun auf bestem Weg, zum Mythos unserer Zeit zu werden. Über 40.000 Comichefte später liegt nun das umfangreichste Buch über DC Comics im XL-Format vor. Mehr als 2.000 Bilder - Cover und Innenteilseiten, Original-Illustrationen, Fotografien, Film-Standaufnahmen und Sammlerobjekte. Alle neu fotografiert, um die Geschichten, die Charaktere und ihre Schöpfer zu pulsierendem Leben zu erwecken, so, wie sie noch nie zuvor gesehen wurden. Geschichten zur Geschichte präsentiert Paul Levitz, der auf 38 Jahre bei DC zurückblicken kann und in seinen ausführlichen Essays die Firmenchronik nachzeichnet, von den schäbigen Anfängen bis zum hochmodernen Digital Publishing.

Meinung:

Wie so viele US-amerikanische Jungen seiner Zeit war Paul Levitz ein ausgeprägter Comicliebhaber. Im Jahre 1971 publizierte er sein eigenes Fan-Magazin. Nur zwei Jahre später, im Alter von 16 Jahren, bekam er die Gelegenheit, für den Verlag DC Comics, Inc. (der zu diesem Zeitpunkt offiziell noch "National Periodical Publications" hieß) zu arbeiten. Er begann als Autor, wechselte dann aber schnell auf die Seite der Redaktion und schließlich ins Management, wo er zwischen 2002 und 2010 das Amt des Firmenpräsidenten bekleidete. Es gibt also kaum jemanden, der berufener wäre als er, um eine große Retrospektive über die Verlagshistorie zu verfassen.

In sechs Kapiteln, die den historischen Hauptphasen des US-Comicmarktes entsprechen, präsentiert Levitz mitunter sehr sachlich, mitunter anekdotenhaft die Geschichte des Verlags, die eng mit der Entstehung der nordamerikanischen Comiclandschaft verknüpft ist, und die Entwicklung des Verlagsprogramms bis in die Gegenwart. Die Schilderung beginnt noch vor der Geburt des Heftchenmarktes, als lediglich zusammengetackerte Comicstrip-Beilagen der Sonntagszeitungen vertrieben wurden, und beschreibt dann den im Jahre 1938 von Superman losgetretenen ersten Superhelden-Boom sowie das Abflauen dieser Welle nach dem Zweiten Weltkrieg zugunsten anderer Genres wie etwa Horror oder Romantik.

Erst in den späten 50er-Jahren kommt es - auch durch das Eingreifen von Sittenwächtern, die in Comics ein Übermaß an Sex und Gewalt entdeckt zu haben glauben - zu einem erneuten Erstarken der vergleichsweise "sauberen" Superhelden. DC mit seinem seit jeher ohnehin eher braven Verlagsprogramm nutzt die Gelegenheit und wirkt aktiv an der Einführung einer strikten, branchenweit wirksamen Selbstkontrollinstanz (der "Comics Code Authority") mit, um gezielt die Konkurrenten zu schwächen, die auf radikalere Inhalte gesetzt hatten.

In den 60er-Jahren beginnt der Erfolg des aufstrebenden Verlagshauses Marvel. Der erbitterte Kampf um die Vorherrschaft auf dem Markt, der in variierender Intensität bis heute andauert, zwingt DC dazu, auf jede Aktion der Konkurrenz zu reagieren. In den 70ern mündet diese Rivalität in einer wahren Schwemme neuer - oder modernisierter alter - Superhelden. Parallel dazu ändern sich auch die Vertriebswege der bunten Heftchen: Während Comics früher zahllose Regalmeter in Kiosken füllten, gewinnen nach und nach spezialisierte Comicgeschäfte die Oberhand.

In diesen Spezialgeschäften lassen sich auch leichter die Beschränkungen der "Comics Code Authority" umgehen, sodass es in den 80er-Jahren, in denen DC zahlreiche britische Autoren wie Alan Moore und Neil Gaiman anheuert, zu einer deutlichen Verdüsterung der Superheldenwelt kommt. Werke wie Frank Millers finstere Batman-Saga "The Dark Knight Returns" sowie "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons rauben den bisher eher biederen, moralisch einwandfreien Superhelden endgültig ihre Unschuld. In den 90er-Jahren scheint dann die Bedeutung von Inhalten in den Hintergrund zu treten. Dafür sorgen zum einen dramatische Fortschritte in der Zeichen- und Drucktechnik, die zusammen mit computergestützter Kolorierung die Optik wichtiger denn je erscheinen lassen. Zum anderen erscheinen Hefte oft mit zahllosen Sondercovern, um Sammler zu motivieren, sich mehrere Exemplare zuzulegen. So werden Comics phasenweise vor allem zur Wertanlage.

Eben jene Comicsammler achten auch seit jeher penibelst auf die logisch-stringente Weiterentwicklung der Hintergrundgeschichte ihrer Lieblingshelden und zwangen die Verlage dazu, streng auf die so genannte "Continuity" zu achten: Abweichungen von etablierten "Fakten" riefen regelmäßig massive Wellen des Protests hervor. In den letzten zehn Jahren lässt sich jedoch feststellen, dass Fans - vermutlich vor allem durch das Auftauchen von Superhelden in anderen, verbreiteteren Medien wie Film und TV - gelassener mit "alternativen" Fassungen ihrer Vierfarbträume umgehen. Offenbar werden Superheldengeschichten mittlerweile vom Mythos mit festgelegtem Kanon an Ereignissen nach und nach zur Folklore, bei der jeder Erzähler seine eigene Version der Geschichte erzählen darf.

Der historische Abriss der Verlagsgeschichte wird ergänzt durch eine wahre Flut an Heft-Titelbildern, -Innenseiten, zusätzlichen Dokumenten und Abbildungen, die den größten Anteil der überformatigen Seiten füllen. Paul Levitz geht in seiner Darstellung auch immer wieder auf die Karrieren wichtiger Persönlichkeiten ein, die den Verlag als Künstler, als Redakteure oder im Management prägten. Manche verblieben für Jahrzehnte bei DC, andere buchstäblich nur wenige Tage, bevor sie wieder vor die Tür gesetzt wurden oder freiwillig gingen - nur um kurz darauf bei der Konkurrenz eine lebenslange Karriere im Rampenlicht zu starten. Dass Levitz auch umstrittene Verlagsentscheidungen in positivem Licht darstellt, verwundert aber natürlich kaum.

Dank seines enormen Umfangs - immerhin wiegt es rund sieben Kilogramm - bietet das Buch genügend Raum, um sowohl legendäre Hefte und Szenen zu zeigen als auch heutzutage fast vergessene Serien und Helden zu dokumentieren. Diese nahezu "archäologisch" zu nennenden Präsentationen obskurer Figuren, die sich bei ihrem ersten Auftritt vielleicht gerade einmal drei oder vier Hefte lang halten konnten, zeigten übrigens bereits sichtbare Wirkung im gegenwärtigen Verlagsprogramm von DC: Es gab in den letzten Monaten erstaunlich viele Serien-Neustarts, die diese vergessenen Charaktere in den Mittelpunkt rückten.

Das Buch weist eine hervorragende Druckqualität auf, die das zum Teil recht alte Bildmaterial brillant wiedergibt, und liegt komplett in englischer Sprache vor. Deutsche Übersetzungen der Hauptartikel sowie der Kurzbiografien der wichtigsten Akteure werden allerdings als Extraheft mitgeliefert. Diese immerhin selbst rund hundertseitige Broschüre wartet zudem mit weiteren Illustrationen auf, die sich zum großen Teil nicht im Hauptbuch finden. Somit lohnt es sich auch für Leser, die den englischen Text mühelos verstanden haben, die Beilage noch einmal durchzublättern und dort zumindest die Bilder zu betrachten.

Fazit:

Keine Frage, 150 Euro sind eine Menge Geld. Doch im Falle von "75 Years of DC Comics: The Art of Modern Mythmaking" erhält man für diese stolze Summe ein wahrhaft einzigartiges Kompendium, das jeden Leser mit zumindest flüchtigem Interesse an US-amerikanischen Comics allein durch seine schiere Flut an Abbildungen von seltenen Covermotiven und Innenzeichnungen begeistern dürfte. Die Essays liefern zudem höchst interessante (wenn auch recht unkritische) Blicke hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts von DC und als Comicleser erhält man endlich eine klarere Vorstellung von vielen der Menschen, deren Namen man schon so oft im Heft-Impressum gesehen hat. "75 Years of DC Comics" ist zweifellos nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich ein Schwergewicht und in jeder Hinsicht ein Werk, das seinesgleichen sucht.
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