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Mein Leben ohne Gestern  Drucken E-Mail
Bücher: Belletristik Allgemeine Belletristik
Geschrieben von Jana Witte   
Dienstag, 1. November 2011

Mein Leben ohne gestern

Originaltitel: Still Alice
Übersetzt von: Veronika Dünninger

Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Juli 2011
ISBN: 978-3-404-16062-4
Preis: 8,99 EUR EUR

320 Seiten
Inhalt
8.0
Preis/Leistung
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Gesamtwertung
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Zum Inhalt:

Stellen Sie sich vor, all Ihre Erinnerungen - gute, schlechte, schmerzhafte, leidenschaftliche - werden nach und nach aus Ihrem Gedächtnis gelöscht und Sie können absolut nichts dagegen tun. "Mein Leben ohne Gestern" erzählt die bewegende Geschichte einer Frau, die sich von der eigenen Vergangenheit verabschieden muss, um einer Zukunft entgegenzusteuern, in der vieles nicht mehr da ist und doch etwas bleibt.

Meinung:

Dr. Alice Howland, die Protagonistin des Romans, ist eine aktive, hochintelligente Psychologieprofessorin, die aktuell einen Doktoranden betreut, Vorlesungen und Seminare hält und an Konferenzen überall auf der Welt teilnimmt. Ihre Ehe mit John, einem in Harvard forschendem Biologen, ist intakt, ihre drei Kinder sind aus dem Haus. Es ist der Stress, denkt Alice, als sie mal das Telefon verlegt oder ihr ein Wort nicht einfällt. Aber diese Kleinigkeiten häufen sich, wie Alice merkt. Dann weiß sie auf ihrer täglichen Joggingrunde auf einmal nicht mehr, auf welchem Weg sie nach Hause kommt. Der konsultierte Neurologe diagnostiziert bei ihr eine früh einsetzende Alzheimer-Krankheit. Die noch keine 50 Jahre alte Alice ist wie vor den Kopf geschlagen. Sie muss sich mit der Diagnose auseinandersetzen und dem Wissen, dass die Zukunft sie und ihre Familie mehr und mehr berauben wird. Aber sie will ihre Zeit nutzen. Sie ist doch bestimmt mehr als die Summe ihrer Erinnerungen ...

Lisa Genova weiß, wovon sie schreibt: Sie hat nicht nur Psychologie studiert und ist Neurowissenschaftlerin, ihre Großmutter hatte zudem die Alzheimer-Krankheit. Es war nicht die früh einsetzende Form, von der in diesem Roman die Rede ist, doch zu beobachten, wie ihre Großmutter mehr und mehr von sich selbst verlor, brachte die Schriftstellerin dazu, "Mein Leben ohne gestern" zu schreiben.

Als Autorin kann Lisa Genova ihren wissenschaftlichen Hintergrund nicht verleugnen. Zum einen zeichnet sich ihre Erzählweise durch Zurückhaltung aus. Hierdurch wird die Tragik des unvermeidlichen Krankheitsverlaufs sowie die damit einhergehende Frustration betont und zugleich Pathos vermieden. Genova beschreibt ohne Über-, aber auch ohne Untertreibung das schleichende Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit und ihre Auswirkungen. Dabei liegt ihr Hauptaugenmerk auf der erkrankten Alice: Ihre Gedanken und Empfindungen sowie ihre Erlebnisse bilden die Basis des Romans.

Zum anderen mutet der Stil der Autorin beinahe protokollarisch an. Lisa Genova wahrt eine gewisse Distanz. Sie lässt den Leser schlussfolgern und werten. Für sich allein steht zum Beispiel die Episode, als Alice in der Universität ihre aufgeschobene Arbeit erledigt und sich über die Ruhe freut. Erst zum Schluss wird dem Leser klar, dass Alice - ohne es zu realisieren - mitten in der Nacht im Büro war. Hier wird von der Autorin emotional der Bogen vom positiven hoffnungsvollen Anfang - es scheint ein guter Tag für Alice zu sein - bis zum ernüchternden Ende - sie zeigt ein weiteres Krankheitssymptom - gespannt. Zusammen mit Alice und ihrer Familie hofft man immer wieder, dass sich der Krankheitsverlauf verlangsamt, einfach weil man ihnen so viel gemeinsame Zeit wie möglich wünscht.

Allerdings ist es nicht Mitgefühl allein, das den Leser hoffen lässt. Der schleichende Beginn der Alzheimer-Krankheit, der es so einfach macht, andere Erklärungen zu finden, und ihr noch immer unaufhaltsamer Verlauf lösen im Leser Besorgnis und Beklemmung aus: Dem auf die eine oder andere Weise Betroffenen steht unabwendbar vor Augen, dass der Erkrankte sich selbst und seine Lieben verliert und letztlich die Körperfunktionen mehr und mehr abbauen. Dies sind Aussichten, die jeden von uns ängstigen.

Vor diesem Hintergrund wirken auch die im Roman immer wieder auftauchenden Passagen mit wissenschaftlichen Fachbegriffen und Beschreibungen von Tests, denen sich Alice unterziehen muss, nicht als Fremdkörper. Auch wenn diese Texte den Lesefluss gelegentlich etwas verlangsamen, wird der positive Gesamteindruck des Romans hierdurch kaum beeinträchtigt. Als Teil des Lebens mit der Alzheimer-Krankheit gehören diese Tests und Arztgespräche in "Mein Leben ohne gestern". So liest sich das Buch zügig und kann den Leser trotz oder gerade wegen der leicht sachlichen Erzählweise fesseln und überzeugen.

Fazit:

Lisa Genova erzählt in "Mein Leben ohne gestern" vom Leben mit der Alzheimer-Krankheit und konzentriert sich dabei hauptsächlich auf die betroffene Alice und ihre Wahrnehmungen. Auch und gerade weil die Autorin dabei eine gewisse Distanz zu ihrer Protagonistin einhält, wird hierdurch die Tragik um die Unabänderlichkeit der Diagnose und des Krankheitsverlaufs unterstrichen. "Mein Leben ohne gestern" ist ein spürbar engagierter, gut lesbarer Roman, der eine noch immer unheilbare Krankheit und ihre Auswirkungen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt.
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