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Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden  Drucken E-Mail
Bücher: Sachbuch Biografien
Geschrieben von Konstanze Tants   
Montag, 17. Januar 2011

Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden

Originaltitel: Moi Nojoud, 10 ans, divorcée
Verlag: Knaur
Erschienen: September 2010
ISBN: 978-3-426-78315-3
Preis: 8,95 EUR

208 Seiten
Inhalt
6.0
Preis/Leistung
7.0
Gesamtwertung
6.1

Wertung:
6.1
von 10
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Zum Inhalt:

Nojoud ist gerade mal zehn Jahre alt, als ihre Eltern sie mit einem Mann verheiraten, der dreimal so alt ist wie sie. Für das kleine Mädchen bedeutet das das plötzliche Ende seiner unbeschwerten Kindheit. Doch obwohl eine Frau im Jemen machtlos ist gegenüber der Tradition und der Willkür ihres Mannes, gibt Nojoud nicht auf. Sie sucht Zuflucht im Gericht und beschließt, für ihre Rechte zu kämpfen. Mit der Hilfe ihrer Anwältin gelingt Nojoud schließlich das Unmögliche: Ihre Zwangsehe wird geschieden, sie darf endlich wieder ein normales Kind sein.

Meinung:

In dem Buch "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" erzählt Nojoud Ali (mit Hilfe der Journalistin Delphine Minoui) ihre Geschichte. Das Mädchen wuchs mit seiner Familie im Norden des Jemen auf und wurde noch vor Vollendung seines zehnten Lebensjahrs von seinem Vater mit einem mehr als zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet. Zwei Monate nach Schließung der Ehe hielt Nojoud die Misshandlungen durch ihren Mann nicht mehr aus und beantragte vor Gericht die Scheidung - für eine Jemenitin ein ungewöhnlicher und sehr tapferer Schritt, der weltweit Aufsehen erregt hat.

In Rückblicken bekommt der Leser die Erlebnisse der jungen Nojoud berichtet, wobei Kindheitserinnerungen und die Begebenheiten bei Gericht und während der Verhandlung parallel erzählt werden. So bekommt man einen Einblick in die Welt, in der die junge Nojoud aufwächst. Dort ist es selbstverständlich, dass eine Frau ihrem Mann gehorcht und dass ein Kind verheiratet wird. Es ist auch keineswegs unüblich, dass sich eine ganze Familie nur durch das Betteln in einer der wenigen großen Städte durchbringt.

So nachvollziehbar für den Leser Nojouds kindliche Sicht beschrieben wird und so sehr man auch ihr Unvermögen zu verstehen, was so eine Heirat bedeutet, mitfühlen kann, stolpert man doch immer wieder über Passagen, bei denen vermutlich eher die Wortwahl der Journalisten Delpine Minoui überwiegt. Denn in diesen Absätzen klingen Nojouds Gedanken deutlich philosophischer, als man es von einem so jungen Mädchen - selbst unter diesen Umständen - erwarten kann.

Während sich viele Medien bei Nojouds Geschichte darauf gestürzt haben, dass es immer noch Teile in der Welt gibt, in denen kleine Mädchen zwangsverheiratet und dann in der Ehe missbraucht werden, wird in diesem kleinen Buch aber auch deutlich, dass niemand ein ganzes Volk über einen Kamm scheren darf. Sowohl Richter Abdo, mit dem Nojoud bei Gericht als erstes spricht, noch seine Amtskollegen oder die Anwältin Shada Mohammed Nasser können fassen, was Nojoud von ihrer Familie und ihrem Ehemann angetan wurde. Und jeder von ihnen bemüht sich darum, dass das Mädchen zu der gewünschten Scheidung kommt und danach ein gutes Leben führen kann.

Doch trotz dieses Engagements von Seiten des Gerichts und der öffentlichen Aufmerksamkeit fragt sich der Leser am Ende, ob Nojouds Geschichte nicht besser hätte ausgehen können. Zwar sorgten die Aufmerksamkeit und die Spendenbereitschaft einiger Menschen dafür, dass Nojoud geschieden werden konnte und wieder unter der Obhut ihrer Familie ein kindgerechtes Leben führen darf, doch letztlich wird auch deutlich, dass das Mädchen mit seinem Handeln - in den Augen seiner Verwandtschaft und Nachbarn - die Familienehre beschmutzt hat und dass dies keine positiven Auswirkungen auf das Leben seiner Familie hat.

So bleiben beim Leser nach diesem Erlebnisbericht einige bittere Gedanken zurück. Neben der Fassungslosigkeit über den menschenunwürdigen Umgang mit kleinen Mädchen in einigen patriarchalisch geprägten Kulturen stellt man sich die Frage, was die Zukunft - nach all dem Medienrummel - für Nojoud noch bereithalten mag. Doch vor allem zeigt diese Geschichte, wie notwendig es für einen respektvollen Umgang mit den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft ist, dass einem Volk der Zugang zu Bildung und ein Leben ohne Armut ermöglicht wird - und dies ist eine Erkenntnis, die wohl jeder Leser auch in seinen eigenen Alltag mitnehmen kann.

Fazit:

Nachdem die Scheidung der jungen Nojoud Ali großes Aufsehen in den Medien erregt hat, ist ihre Geschichte "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" eine interessante Lektüre. Doch vor allem bleibt der Leser nach Beendigung des Buchs mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Zum einen hat man den Eindruck, dass die Co-Autorin Delphine Minoui einige ihrer eigenen Gedanken zu dem Text hinzugefügt hat. Zum anderen bleibt die belastende - und absolut nicht neue - Erkenntnis, dass Armut und ein Mangel an Bildung für die schlimmsten Missetaten auf der Welt verantwortlich sind. So bringt dieses Buch so gut wie keine neuen Erkenntnisse über das Schicksal von Nojoud Ali, dafür lässt es sich trotz des belastenden Themas in einem Zug durchlesen.
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